LL Aktuell

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Geschichten und andere Geschichten

Monday, June 18, 2018

Mundgeruch

Irgendwo um mich herum hat jemand richtig heftigen Mundgeruch, bissiger Geruch der tief aus dem Magen kommt und krank riecht. Es ist eine Fahne, ein Signal. In seinem Magen wächst Krankheit, es gärt und brodelt und kann nicht heraus, frisst sich immer tiefer in den Leib, in die Eingeweide. Die Fahne ist klar und deutlich erkennbar. Alles außer sichtbar ist sie, für ihn, für die um ihn herum. Sie sagt: hallo, hier ist einer, der vor sich hinkränkelt. Er kümmert sich nicht um sich selbst. Hier, ich bin Krankheit, hier brodle ich. Es ist der Mann neben mir. Höflich wollte ich sein und so tun als wüsste ich nicht genau woher sie kommt, aber die Fahne ist nicht zu ignorieren.
Soll ich ihm sagen: geh zum Arzt. Dein Körper spricht, er warnt! Gib Ruhe, lass dich untersuchen. Mach eine Kur. Schlafe viel. Iss weniger, aber besser. Geh spazieren. Setze dich auf eine Bank und schaue auf den Horizont. Lass deinem Körper Zeit, sich zu erholen. Mach ihm währenddessen nicht noch mehr Arbeit mit schlechtem Essen, Giften wie Alkohol und Zigaretten, und Stress. Oh dieser Stress. Wann kippt Beschäftigung und Bewegung in Stress? Bei der 150sten Fahrt von München nach Frankfurt? Der 200sten? Dem 745 Konferenz-Call um acht Uhr in der Früh? Wann kippt es? Wann bricht der Körper und sagt: bisher hat es mir Spaß gemacht, ab heute läuft es schief. Bis hierher hat es mir Energie gegeben, mich motiviert, mehr Kraft aufgebaut als es gekostet hat, aber heute schlägt es um. Ab heute zehrst du von dem, was du aufgebaut hast in den Jahren. Und was war das? Feines Obst und Gemüse mit vielen Vitaminen, Haferflockenfrühstück, Sonnenstrahlen, Spaziergänge, frische Waldluft oder Meeresbrisen? Oder war es doch künstlicher Zucker? Säure in Kaffeeform? Fettreiche Kondensmilch, die ein Jahr haltbar ist? Was ist denn ein Jahr haltbar, was aus der Natur entnommen wurde? Das ist nicht normal, nein. Du musst erst das lebensnahe entfernen, damit es haltbar ist, das lebensnahe ist das, was sich weiter entwickelt und weiter wächst. Wenn du es entfernst, macht es dich auch ein Jahr später nicht mehr krank. Wie Kondensmilch. Oder Milchpulver das für Kaffeevollautomaten genutzt wird. Auch Zucker macht haltbar, tötet das lebensnahe. Zucker macht alles besser, wenn man nicht kochen kann, dann besonders. Und das passt gut zu fettigem Schweinefleisch, in Soße. Und das gute Bier. Da kommt dann der Alkohol dazu, ja, das Gift das wir alle so lieben.
Wir wissen beide, du und ich, wir Nachbarn im Zug, wir wissen beide, dass es vor allem Letzteres war, was du dir zugefügt hast, nicht feine gesunde Nahrung und Bewegung, sondern vor allem Fett, Zucker, Säure, Gift. Davon zehrst du jetzt. Dein Körper kann nicht mehr, geht an seine Reserven, und siehe, die Reserven sind schlecht. Beim verarbeiten stößt es übel auf. Den schlechten Geschmack hast du im Mund, und ich in der Nase. Es ist so offensichtlich, dass du krank bist. Aber noch nicht so schlimm, dass du dich nicht mehr bewegen kannst. Nich kannst du rennen und es ignorieren.
Du steigst also aus, und hastest weiter. Früher hat es auch funktioniert. Es wird noch ein Weilchen so weiter gehen. Morgen dann, morgen gönnst du dir eine Pause. Aber morgen ist Konferenz mit dem Minister, da geht es nicht. Übermorgenalso. Übermorgen. Vermutlich, wenn nichts dazwischen kommt, aber auf jeden Fall bald. Was ist denn ein Tag oder der andere, du machst es ja bald, das ist doch, was zählt. Jetzt erstmal los.
Du steigst aus, und nimmst deine Fahne mit wohin du gehst, hinter dir her ziehst du sie mit dem üblem Geruch der dich verfolgt wie eine Giftwolke. 

Tuesday, March 20, 2018

Der Dackel

Sie hatten sich in Zärtlichkeit getrennt. Seine Berührungen hallten noch in ihr nach während sie zu Demo ging. Wie liebevoll er sie angeblickt hatte! Ganz weich war sie innerlich.Viel zu weich. Sauer sollte sie sein! Ihre Gruppe hatte ein Transparent gemalt, in großen roten Buchstaben stand darauf "Nicht mit uns" und ein dickes Ausrufezeichen. Demonstrieren wollten sie, Parolen skandieren, Buh-rufen! Das schien ihr jetzt ganz unmöglich. Jetzt wollte sie lieber vor dem Landtag Blumen niederlegen und singen "where have all the flowers gone“ angesichts der vielen toten Kinder, die in diesem Krieg getötet wurden, getötet - ermordet! Kinder und Eltern, sogar Babies! Sie war ganz verzweifelt und fühlte sich zum heulen.
Sein Hund Dudu lief neben ihr an der Leine. Er hatte ihn ihr mitgegeben, weil er sonst nicht rauskäme. Ganz verbunden fühlte sie sich ihm durch das Tier. So eine liebe Geste, ihr seinen geliebten Zwergpintscher mitzugeben. Damit ging nun ein Teil seiner Liebe an ihrer Seite.  Dudu war ein ältlicher Hund, aber ganz liebevoll, genauso wie er, freundlich und aufgeschlossen und so liebevoll. Ihr wurde noch wärmer ums Herz: wie er mit seinen kleinen Beinchen neben ihr her hopste, grade, dass sein Bauch nicht auf dem Boden schliff. Sie ging neben ihm, in ihrem Wildledermantel wogten ihre Brüste mit jedem Schritt hin und her, und ihre langen, stumpfbraunen Haare bereiteten sich wie ein Wasserfall über ihren Kunstpelzkragen. Sie sah aus als hätte sie jemand aus den 70ern entführt und in die Neuzeit teleportiert.
Anne kam ihr über den Platz vor dem Landtag entgegen, stürmisch, ihre Augen sprühten Funken. Sie war aufgewühlt, sie war wütend, genau die richtige Stimmung für die Demo, sie würde sich mit Schmährufen die Stimme aus dem Leib brüllen! Lea traf sie, bemerkte ihren beschwingten Schritt, sah ihren entflammten Blick - und fiel ihr in die Arme. Keine Begrüßung, kein einziges Wort, presste sie sie an sich und weinte ihr ins Ohr: "die ganzen toten Kinder!" weinte sie, "die Kinder! Es ist so furchtbar!" 
Anne zuckte zurück. Sie erstarrte in den Armen ihrer Freundin. Räusperte sich. Lea heulte weiter. Mit verzweifelten Blicken über ihre Schulter versuchte Anne die anderen zu kontaktieren. Die waren viel zu weit weg! Schließlich klopfte sie ihr ein, zweimal unbeholfen auf den Rücken: "Na na na. Nu komm mal." Sie nahm Lea bei der Hand und zog sie ein paar Schritte Richtung Gruppe, als Lea stehen blieb und in die andere Richtung zog. "Nein, warte," sagte sie und deutete an den Rand des Platzes, "ich will da ein paar Blumen pflücken." Auf einem Grünstreifen am Rande des Platzes wuchsen ein paar Gänseblümchen. "Ich komm gleich." Anne fand das alles sehr skurril, sie ging besser mit. "Was machst du denn da? Lea, geht es dir gut?" Sie wollte ihr die Hand auf die Schulter legen, sie zu sich drehen um ihr in die Augen zu schauen. Lea wäre nicht die erste Pazifistin, die abdreht, wie der Kerl mit der Schirmmütze mit dem Radio und die dicke Alte mit der Gitarre die nach Katzenpisse stank. Drogen in der Szene waren stark verbreitet. Aber Lea lief vorneweg, nuschelte verwirrt "nein nein, alles gut, nur die Gänseblümchen". Den Dackel schleifte sie hinter sich her. Er lief Anne ständig vor die Füße, zweimal musste sie stehen bleiben weil er sie sonst in die Leine eingewickelt hätte. Lea kniete sich auf den Grünstreifen und fing an mit die Blumen zu pflücken, der Hund stets dabei, offensichtlich völlig aus dem Häuschen von den Spuren vieler anderer Hunde. Wo sollten sie auch sonst hinpinkeln? Ein länglicher Streifen Grün mit zwei Bäumen drei Meter breit, acht Meter lang, umgeben von Stein, Beton und Mauern. Anne wurde etwas schlecht als sie Lea beobachtete wie sie die Gänseblümchen pflückte - mit bloßen Händen.
Lea ging das Herz über. Gänseblümchen, das war genau das richtige, keine aufwändigen Blumenkränze oder so, nein, einfach Gänseblümchen, sie waren so ehrlich und lieb und unschuldig, genauso wie die vielen Menschen die gestorben waren. Dudu war ganz nah bei ihr und schnupperte, als müsste er sich ein paar Tränen wegschnüffeln - so ein einfühlsames Tier - hach, sie fühlte sich ihm so verbunden.
Als sie etwa fünfzehn Gänseblümchen hatte, erhob sie sich und nahm die Hundeleine. "Weißt du, wir müssen Blumen niederlegen, für die Trauer," sagte sie, ein bisschen gebrochen, weil sie so bewegt war. "Es geht nicht nur um Wut, es geht um die Menschen, die toten Menschen!"
"Lea, was ist denn mit dir?" Anna konnte sich nicht beherrschen. "Wir müssen kämpfen! Glaubst du diese Schnösel da drin interessiert es wenn wir hier heulen und Blumen niederlegen?" "Aber es sind Menschen gestorben, unschuldige, und sterben immer noch! Wer weint denn sonst um sie?!" Lea war vor den Stufen des Parlaments angekommen. Etwas höher standen mehrerere Bundesgrenzschützler in schwarzer Kampfmontur und blickten steinern. Lea kniete nieder  und legte ihre Blümchen auf die zweite Stufe, alle einzeln, sauber aufgereiht nebeneinander. Die Polizisten beäugten sie. Der eine ging schon einen Schritt auf Lea zu. Das würde Anne nicht zulassen, Lea war vielleicht daneben aber das war ja kein Grund! "He, nu mal langsam," rief sie dem Politzisten zu, "dat sind ja hier keine Nuklearwaffen, dat sin nur een paar Blümchen." "Ja, wir legen Blumen für die Toten, zum Gedenken," rief jetzt auch Lea, ganz beschwingt, dass ihre Freundin sie so solidarisch unterstützte. 
Der Hund verstand das völlig falsch. Lea hatte die Leine niedergelegt als sie die Blumen verteilte. Jetzt sprang er, seiner neuen Freiheit gewahr, auf den Polizisten zu als wäre er ein Würstchen. Das Gesicht des Polizisten verfinsterte sich. "He, Lea, pass ma auf dein Vieh auf,“ rief Anna und trat schnell auf die Leine, "sonst wird der da oben noch - " Aber sie brachte den Satz nicht fertig. Der Dackel war von der Leine zurückgerissen worden. Er stolperte, fiel zur Seite auf die Treppenkannte und rollte zwei Stufen herunter. Dort blieb er liegen. "Naaiiin!!" heulte Lea auf! Wie ein Boje klang sie, "Naiinnn!!!" Jetzt schossen ihr Tränen in die Augen. Mit schriller Stimme rief sie "Was hast du getan?!" und warf sich auf Anna. Mit beiden Fäusten trommelte sie auf Annas Brust ein, und stieß spitze, gellende Schreie aus. "Der Dudu!" schrie sie, "der arme Dudu!" Anna versuchte auf Abstand zu gehen.  "Ja, schau doch" sie versuchte sich zu wehren ohne der armen verwirrten Lea weh zu tun, "dem geht es doch schon wieder gut." Aber Lea hörte nicht, sondern jaulte und trommelte nur weiter. Der blöde Köter machte derweil mit und kläffte im gleichen Rhythmus ihre Wade an.
"He" sagte jetzt der Polizist. Nichts passierte. "HE!" sagte er nochmal mit Nachdruck. Aber gegen die beiden Tölen kam er nicht an. Er ging eine Treppenstufe runter. Die Frau trommelte immer noch auf ihre Freundin ein, und der Hund kläffte dazu. Noch eine Treppenstufe. Sie merkten es garnicht.
Schließlich nickte er seinem Kollegen zu. Beide gingen hinab und stellten sich zwischen die Streitenden. Die erste ließ sich ganz leicht abführen. Der Polizist nahm sie leicht am Arm und begleitete sie Richtung Kundgebung, da ging sie schon allein ohne weitere Aufregung, warf nur noch ein paar skeptische Blicke über die Schulter, bevor sie sich wieder zu ihrer Gruppe trollte.
Die andere, die Heulboje, war etwas schwieriger. Sie hörte einfach nicht auf zu heulen. Der Polizist stellte sich vor sie und legte ihr die Hände auf die Schultern. Dann sagte er laut und deutlich: "Sooo, jetzt beruhigen Sie sich wieder mal, ihrem Hund geht es guuut, es ist alles in Ooordnung, ihre Freundin hat ihm nicht wereh getan, sie wollte sie nur beschützen, sie ist eine guuute Freundin." 
Das mit dem Vokale dehnen hatte er in der Polizeischule gelernt. Jetzt fühlte er sich sehr klug. Die Heulboje beruhigte sich auch glatt während er sprach. Sie heulte noch einmal auf, ein zweites mal und ein letztes, drittes Mal. Ihre Fäuste hatten anfangs noch in der Luft herumgefuchtelt, einen Polizisten schlagen wollte sie aber dann doch nicht. Nach und nach wurden sie langsamer und schließlich ließ sie die Hände sinken. Ein bisschen schniefte sie noch, dann konnte der Beamte sie anblicken. Klare blaue Augen hatte sie. Eigentlich ganz hübsch. Er lächelte aufmunternd, klopfte ihr nochmal leicht auf Schulter. " Na, geht doch schon wieder. Und hier," er bückte sich, "ist auch die Leine von ihrem Hund wieder." Er drückte ihr das Endstück in die Hand.

Der Hund saß auf seinem Hintern und wedelte mit dem Schwanz die ganzen Gänseblümchen von den Stufen. "Ja" sagte Lea, und tätschelte ihn am Kopf. Dann drehte sie sich um und ging.

Tuesday, July 11, 2017

Juni des Vergessens

Der Juni ist der Monat des Vergessens. Also, irgendwie auch nicht, weil bei dem ganzen Scheiß der passiert ist, auch eine so unendlich großartige Veränderung passiert ist, dass der Juni auf keinen Fall vergessen werden darfsollwird. Aber man soll nicht gleich, wenn man etwas geschrieben oder gesagt hat, alles wieder relativieren drum bleiben wir beim Vergessen und gehen vielleicht am Ende nochmal auf das Andere ein. Eines muss ich aber relativieren, weil, es hat garnicht im Juni angefangen sondern im Mai. Jetzt haben wir es aber dann auch.
Dann kann ich zum Ausgangspunkt zurückkommen, das ist nämlich der, dass ich mich unsäglich aufrege!
Ich rege mich tatsächlich unsäglich auf, UN-SÄG-LICH! wenn mir jemand vorwirft, dass ich mich seit zwei Monaten nicht gemeldet habe. Alter! Zwei Wochen hab ich mich nicht gemeldet, zwei Wochen, und dann kam die Woge! Und ja, die hab ich jetzt sechs Wochen verkraften müssen, aber Alter was war das auch für ne Woge?! Hätte ich denn bitte mittendrin ne Rundmail schreiben sollen? So a la: entschuldige, ich melde mich um zu sagen, dass ich Stress hab und mich nicht melden kann? Argl, wie ich mich aufrege.
Also was hab ich die sechs Wochen gemacht die ich böses Kind mich nicht gemeldet habe?
Als allererstes habe ich mich beklauen lassen. So richtig komplett. Stand in Barcelona mit nichts außer meiner Kleidung, meinem Firmenausweis und zwei Haarnadeln. Die beiden Telefone, der Laptop, der Geldbeutel, die 300 Euro, die Brille, die flachen Schuhe, das Geschenk meiner Schwester, das Make-up, ja auch die dreckige Unterhose, alles weg! Das hatte ich alles nach Barcelona gebracht, und zurück brachte ich neben den genannten Gegenständen noch eine Anzeige und einen Ausdruck meines Reisepasses. Ja, ne? Ich könnte ja länger erzählen, aber es ist noch so viel anderes passiert dass wir weiter machen müssen, sonst werden wir nie fertig!
Das alles ist nämlich, zu allem Überfluss, nicht einfach nur so passiert, sondern einen Tag vor der Wohnungsübergabe der neuen Wohnung! Voll gut, da stehst du dann ohne Zugang zu deinen Mails und ohne Terminkalender, kannst den genauen Termin nicht nachschauen, kannst aber auch nicht anrufen weil du die Nummer nicht hast. Yeah! Hast auch kein Notizbuch, nur einen Zettel auf dem die wichtigsten Telefonnummern stehen. Arbeiten musst du natürlich außerdem, drum hast du auch keine Zeit zum Sachen besorgen. Und ach, ganz mette Überraschung: bei Wohnungsübergabe erscheinst du mit einer dicken fetten Zahnlücke da wo dein oberer rechter Eckzahn hingehört, weil, man beachte das Timing, am Tag vor der Übergabe aber nach Überfall dein Milchzahn, der da vorher war, sich nach31 Jahren entscheidet, in einem Burger hängen zu bleiben.
Also hast du jetzt Wertgegenstände für knapp 3500 Euro verloren und einen Milchzahn. Du bist, Gebisstechnisch, gleichauf mit deiner Nichte, die allerdings Sieben ist. Da passt so eine Zahnlücke wegen Milchzahnverlust erheblich besser. Du bist auch was Ausstattung angeht ziemlich nahe bei deiner Nichte, die hat auch keinen Laptop und kein IPhone, geschweige denn zwei. Allerdings ist die näher bei deiner Schwester, was schon sehr beruhigend ist und auch für dich gewesen wäre, aber die ist halt auf der anderen Seite des Ozeans, genauso wie deine Nichte. Aber das nur am Rande. Am Rande der Erzählung, nicht am Rande des Ozeans.

Je nun, wo waren wir? Ende Mai waren wir, richtig. Einen Milchzahn und einmal komplettes  Reisegepäck sind wir losgeworden, eine Wohnung haben wir auf der Habenseite zu verzeichnen. Soweit, damit könnte man noch klarkommen. Wobei, ne, Verlust heißt immer auch Ersatz beschaffen, und aAter, Verlust geht mega schnell aber Ersatz beschaffen! Zahnarzt 2 Stunden, KVR 4, Bank Besuch zu Öffnungszeiten, nochmal Zahnarzt zum Klemmzahn abholen (ich hab jetzt einen Plastikzahn für die Lücke, zumindest in der Zwischenzeit) , Kieferorthopädentermin ausmachen, ach, und Umzug vorbereiten. Heißt Kisten packen. Total das worauf du Lust hast wennste grad alles losgeworden bist. Der Umzug aber war Mitte Juni geplant, drum herum kam ich also nicht. Hab ich nicht was vergessen? Ach ja, die Inspektion für mein Auto, richtig. Scheints ist alles kaputt, oder zumindest ziemlich viel, und die Reparatur kostet etwa 1200 Euro. Oder 1500. Wann Inspektion war? Gut, dass du fragst, drei Tage nach dem Diebstahl. Nach der Übergabe. Oder auch zwei Tage nach dem Milchzahn.
Und da fragen die noch warum ich mich nicht gemeldet habe??!
Man muss sagen, dass ich die Inspektion um eine Woche verschoben habe weil mir das alles zu hart war. Das hab ich dann am gleichen Tag gemacht wie das Ämterrennen und den Zahn abholen. Ich bin an dem Tag natürlich auch nur zu einem Amt gekommen, zum KVR. Zur Führerscheinstelle muss ich nochmal extra, und zur Ausstellung eines neuen Fahrzeugscheins.
Aber es ging ja weiter. Jetzt haben wir es aber auch langsam. Bis Mitte Juni war ich dann also mit Ämtergang und Umzugsvorbereitung gut beschäftigt, arbeiten musste ich auch noch und dann auch noch für das neue Projekt, ja? Das hatte Anfang Juni angefangen, hatte ich das schon erwähnt? Nein? Ach so. Na, auf jeden Fall war das auch noch. Mitte Juni war dann der Umzug. Und seither geht die Waschmaschine nicht mehr. Das ist so ein Kinkerlitzchen, dass es echt nicht ins Gewicht fällt irgendwie, aber seither lauf ich halt zum Waschsalon. Offline bin ich auch, weil ich meinen alten Internetvertrag nicht umziehen kann und der neue noch nicht hinhaut wegen Termin und allem. Auf der anderen Seite macht das nix, weil ich ja kein internetfähiges Handy hatte über lange Strecken. Ich hatte ein Ersatz-Blackberry leihweise, bei dem ging aber Telegram nicht. Meine andere Firma hatte sich erst zwei Wochen geweigert mir Ersatz zu beschaffen für mein Arbeitshandy. Dann fanden sie raus, dass das Problem die SIM-Karte war und dass da eh schon Ersatz da war. Die haben sie mir dann geschickt. Dann hatte ich aber noch kein Handy. Ein Ersatzhandy haben sie mir die Woche drauf geschickt. Allerdings habe ich das, weil ich ja gerade umgezogen war, erstmal an die Arbeitsadresse geschickt. Leider gibt es aber eine automatische Umleitung für Post, die zur Arbeit geschickt wird, an die Poststelle, und die ist in Unterföhring, während ich im Münchner Süden sitze. Natürlich war die Lieferung auf Mittwoch vor einem Feiertag geplant, am Freitag war ich nicht da, und so bekam ich das Handy erst am Montag. Machte aber eh nix, weil: ich hatte bis dahin die PIN verloren. Es war das Umzugswochenende, und die PIN wurde mir in meine vorübergehende Unterkunft geschickt, mit einem ähnlichen Brief den ich bekommen hatte wegen dem Internet, dass ich in meiner neuen Wohnung nicht nutzen konnte. Rat mal welchen Brief ich wutentbrannt weggeworfen habe? Richtig, den falschen. Ich habe dann eine Woche lustige PINs ausprobiert (ich hatte mir den PIN-Brief ja angesehen und hoffte auf mein Unterbewußtsein), bevor ich kleinlaut zum Shop ging und was fand ich da heraus? Der hat mir einfach eine neue gegeben. Keine Ahnung wie, aber ich durfte mir die sogar aussuchen. Voll gut. Aber wie gesagt hat es sehr lange gedauert bis ich dann wieder ein Arbeitshandy hatte.
Es ist so nervig. Immerhin hat die Dienstreise nach Paris geklappt, naja, auch nur eingeschränkt weil ich falsch gebucht habe und dann mitten in der Nacht vor der Abreise nochmal alles umbuchen musste. Ich hatte, weil ich auf einer amerikanischen Seite gebucht hatte, bei denen die Wochen gerne mit Sonntag anfangen, nicht von Montag bis Mittwoch gebucht, sondern von Sonntag bis Dienstag, weil ich, als ich alles fertig hatte und kurz vorm buchen war, unterbrochen wurde. Als ich wieder dazu kam, musste ich natürlich von vorne anfangen und habe einfach blöd geklickt, mir aber das Datum nicht angeschaut. Fataler Fehler! 200 Euro teurer Fehler! Drum hab ich von Dienstag auf Mittwoch dann auch bei AirB'nB genächtigt in Paris, weil alles andere 200 Euro pro Nacht gekostet hätte. Mein Fehler fiel mir übrigens Sonntag Nacht auf. War n bisschen stressig dann noch mit Hinfahrt buchen. Dafür war ich auch an einem Tag auf dem Eiffelturm mit der Kollegin und hab nicht gearbeitet und auch sonst nichts Wertschöpfendes getan, haha, und kein schlechtes Gewissen hab ich deswegen!
Das wars eigentlich an Dingen die passiert sind und mich beschäftigt haben. Die Dienstreise war vorletzte Woche. Hätte ich mich letzte Woche schon melden können. Ich verantwortungsloses Kind, keine Ahnung wie es soweit hat kommen können, da wäre ich auch sauer auf mich wenn ich RentnerIn wäre und nichts zu tun hätte.







Thursday, May 5, 2016

Allohm




Er ist ein Riese - ein riesiger Riese. Also, tatsächlich ist er ein Mensch ganz entgegen der weitläufigen Fachmeinung, die ihn schon für einen Gott hält. Nur zwei Meter zwanzig groß. Er geht mit weit aufgerissenen Augen durch sein spartanisch eingerichtetes Haus und spricht den ganzen Tag kein Wort. Er ist ein Window-Viewer. Die Firma Kotzebue hatte ihn vor Jahren angestellt. Sie stellt Katzenstreu her. Herr Orzechowski nun hat die alleinige Aufgabe, grandiose neue Erfindungen zu erdenken, die dem Katzenkotkonzern Millionen bringen.
Er spricht nur wenn ihm etwas Gutes einfällt, das sich zu produzieren lohnt, das völlig neu ist und funktioniert. 99 Prozent der Zeit ist er also völlig stumm. Tag und Nacht, Woche um Woche. Wenn er dann aber etwas sagt, ist es bahnbrechend. Was er schon alles erfunden hat. Katzenstreu-Klumpenbildung zum Beispiel. Stammt von ihm.
Weil Herr Orzechowski ungelenkt erdenkt, ist die Firma bald dazu übergegangen, seine Fremdideen teuer zu verkaufen. Papier an dem man sich nicht schneidet hat er erfunden, Knubbel an Folienstiften, damit sie nicht vom Tisch kullern. Und so profitiert ein immer größer werdendes Netzwerk von Firmen von Herrn Orzechowski. Eine Firma hat vor lauter Übermut ihre eigene Kreativabteilung komplett eingestellt, nachdem ein ferngesteuertes Fahrradschloss ihnen kurzzeitig die Marktführerschaft verschaffte. Ein großer Fehler. Nie mehr danach erfand Orzechowski im Fahrradbereich. Stattdessen erfand er krümelfreies Knäckebrot.
Sein Haus ist fast leer. Nur sechs Möbelstücke stehen darin. Ein Bett, ein Schrank, eine Küchenzeile, ein Sessel, ein Küchenstuhl und ein kleines rundes Tischchen mit türkisenen Mosaiksteinchen. Dafür sind überall Fenster. Aus denen blickt er hinaus, mit weit aufgerissenen Augen. Er starrt geradezu, als ob da draußen gerade ein Meteor einschlüge. Tut er aber nicht. Orzechowski starrt trotzdem. Und sagt kein Wort. Häufig sitzt er im Sessel. Oder er steht. Nachts schläft er und manchmal geht er spazieren. Alles völlig stumm.
Er hat eine Helferin und eine Putzfrau. Die Putzfrau sagt auch kein Wort, spezielle Anweisung von Kotzebue. Die Helferin dagegen sagt sehr viel, auch eine Anweisung von der Firma. Sie soll ihn so zum Reden zu animieren. Also spricht sie von Marktanteilen und Trends. Häufig liest sie ihm aber nur aus Klatschkolummnen vor.
Eine zierliche, blonde Person mit Kurzhaarschnitt ist sie, die Frau Allohm. Ihre Stimme ist hoch und fiepsig. Herr Orzechowski hatte sie gewählt durch einen Fingerzeig im Bewerbungscenter, wo zwanzig junge Herren und Damen aufgereit nebeneinander standen. Er hatte ihre Stimme vorher nicht gehört. Vielleicht ein Fehler. Aber er beschwert sich nicht.
Ab und an kommt ein Vertreter von Kotzebue vorbei, der ununterbrochen redet. Er drängt auf den Erfinder ein, bestürmt ihn. „Die Absätze gehen zurück,“ sagt er. Er wedelt mit den Händen. „Wir brauchen neue Produkte! Die Marktposition der Firma!“ Orzechowski steht am Fenster, eine Tasse in der Hand. Er dreht dem Vertreter den Rücken zu und starrt mit weit aufgerissenen Augen in die graue Ödnis draußen. Der Vertreter fasst ihn am Arm, stellt sich auf die Zehenspitzen, reckt sich dem Riesen entgegen. Orzechowski reagiert nicht, wirklich gar nicht, er zuckt nicht, dreht sich nicht um, nicht mal blinzeln tut er. Um die ganze Szene schwirrt Frau Allohm wie ein Kolibri. Sie ist hilflos, will den Vertreter abbringen. „Das bringt nichts, er redet nie,“ piepst sie, „nie sagt er etwas!“
Dann führt sie den Gast unverrichteter Dinge hinaus, reicht ihm ein Glas Wasser, redet, beruhigt, verabschiedet. Eigentlich ist sie völlig überflüssig.
Sie muss keinen Papierkram erledigen, weil keiner anfällt. Sie muss nicht kochen, weil er nur Brot isst. Sie muss nicht mal aufschreiben, was er sagt, weil das ganze Haus verwanzt ist. Frau Allohm hat nur eine Aufgabe, aber die ist so außerordentlich, dass sie 24 Stunden anwesend sein muss. Aufpassen, dass Orzechowski lebt.
Kotzebue zahlt ein horrendes Gehalt für den schweigsamen Riesen. Da wäre einmal der monatliche Lohn – wir wollen nicht über Zahlen reden, aber er war teuer, sauteuer, der Herr Orzechowski. Und dazu Erfinderanteil für jede vermarktete Idee, für jeden Knubbelstift, jedes Knäckebrot und jeden Sack verkauftes Katzenstreu. Also passt Frau Allohm auf, dass er nicht stirbt; bewusstlos auf dem Boden liegt und an seinem Erbrochenen erstickt; bei einem Feuer verbrennt. Oder vergiftet wird von einem eifersüchtigen Konkurrenten.
Das wäre beinahe einmal passiert – da bekam Herr Allohm einen Geschenkkorb mit lauter guten Sachen, Milch, Brot, Käse und einem Brotaufstrich Aubergine-Soja und Strichnyn. Er spuckte den Großteil aus, der Rest aber wanderte die Kehle hinunter. Gerettet wurde er überhaupt nur weil an dem Tag die Putzfrau kam. Seither ist Frau Allohm bei ihm.

Nun spricht er aber plötzlich noch weniger. Über ein halbes Jahr schon! Kein Wort. Kotzebue macht sich Gedanken über Orzechowskis Zukunft. Ist er eine Fehlinvestition? Abschaffen fordert die eine Hälfte der Manager, in ihren Konferenzräumen und Anzügen mit ihren Anglizismen wie auscashen und fubar, fucked up beyond repair, also total im Arsch. „Der erfindet doch eh nix mehr, der is fubar!“ sagen sie. „Behalten!“ sagt die andere Hälfte der Manager:„Es geht ums Immetsch! Der ist ein Prestigeobjekt!“ Wenn die Konkurrenz das rauskriegt, und die kriegt das raus die Konkurrenz, dass der Orzechowski weg ist, dann denken die ja: die können sich den nicht mehr leisten! Die sind pleite! Und überhaupt, wahrscheinlich brütet er gerade jetzt über was ganz besonders Tollem!
So streiten sie. Derweil wird Herr Orzechowski immer reicher, und gibt kaum etwas aus für seine spartanische Lebensweise.

Bis er dann doch spricht. Nur nicht so, wie sie es wollen, die Manager. Eines Tages kommt ein Postbote vorbei mit einem Einschreiben. Orzechowski liest es und da öffnet er den Mund! Frau Allohm erstarrt. Gleich kommt die nächste bahnbrechende Idee, die vielleicht jeder Haushalt im Land haben will! Was mag es sein? Er holt Luft, und seine Lippen formen Worte: „Ich kündige.“ Damit hat Frau Allohm nicht gerechnet. Perplex sagt sie nichts. Orzechowski auch nicht. Er packt stattdessen einen Koffer und geht. Frau Allohm wusste nicht mal, dass er einen Koffer hatte. Kurz vor der Haustür bleibt er noch einmal stehen. Frau Allohm sitzt auf einem Küchenstuhl. Orzechowski dreht sich, blickt sich im Haus um, bleibt an ihr hängen. Dieses sanfte Wesen, das vielleicht ein bisschen dumm ist, aber doch so lange dauernd bei ihm war und so schön vorgelesen hat. Nach etwa einer Minute gucken wird er ein bisschen rot, dreht sich um und geht.
Die Manager jetzt natürlich total fubar, als sie dann kommt, die Kündigung. Abgeschickt von einer Anwaltskanzlei. Alles total unantastbar. Nix kann man dagegen machen. Und der große, dünne Erfinder selbst verschwunden und keiner weiß, wohin. Aus reiner Wut schmeißen sie als allererstes Frau Allohm raus.
Was jetzt aber in dem Einschreiben stand, das haben sie doch rausbekommen, die Manager, bei einem Businessmeeting von Managern und Bankkerl. Da hat der Bankkerl dem Managerkerl dann gesagt, was in dem Brief stand. Auswendig hat er das gewusst:

„Sehr geehrter Herr Orzechowski,

Sie haben uns gebeten Sie zu benachrichtigen, sobald ihr Kontostand mehr als zehn Millionen Euro beträgt. Dies tun wir hiermit.“

Völlig unbemerkt von den Herrn Managern bleibt jedoch eine kleine Notiz in einer Klatschkolummne. Frau Allohm hätte sie ihnen vorlesen können, aber sie arbeitet jetzt irgendwo als Vorleserin im Ausland. In der Kolumne, unter Vermischtes steht, dass in Thailand ein riesengroßer Mann seit Monaten jeden Tag vor einem Hotel mit Glasfassade steht. An einem traumhaften, weißen Sandstrand steht er dort täglich von morgens früh bis abends spät und schaut das Meer an. Wenn es regnet, steht er drin und schaut hinaus. Kein Mensch weiß warum, und er sagt auch kein Wort. Sie hätten ihn dort eh nicht verstanden. Herr Orzechowski kann kein Thailändisch.

Friday, March 4, 2016

Philosophen sind bei Bränden einfach nicht zu gebrauchen

F. Herb geht die Straße entlang. Er ist ein kleiner, braunhaariger Mann mit gepflegtem Schnauzer und Teddy-Augen. Er geht gemächlich, ohne Eile. Sein Gesicht ziert ein verträumtes Lächeln. Wie er da so entlanggeht, führt ihn sein Weg zu einem Kiosk, an dessen Auslage es blitzt. Eine kleine, in farbige Aluminiumfolie gewickelte Schokoladenfigur steht dort und reflektiert das bißchen Sonnenlicht, dass sich in die Straßenschluchten verirrt hat. Darunter ist ein Schildchen angebracht, auf dem drei Zahlen stehen. Eins neunundneunzig steht da, neben eins fünfzig und Null Komma Fünfzig. Eins neunundneunzig und eins fünfzig sind durchgestrichen. F. Herb kauft den reduzierten Schokonikolaus. Dann geht er weiter, dorthin, wo er eigentlich hinwollte, zum Kindergarten. Es ist zwei Uhr sieben, als er vor dem buntbemalten Gartenzaun ankommt. Im Haus dahinter toben die Nachmittags-Kinder. Die Tür geht auf und lässt den Lärm kurz doppelt so laut werden. Dann schließt sich die Tür wieder und die Welt scheint plötzlich sehr still. Sogar hört man die eiligen Schritte einer blonden Hünin, die den kiesgesäumten Weg entlangläuft. Sie ist beinahe zwei Meter groß, ein Meter neunzig bestimmt. Sie beugt sich herab und küsst F. Herb. Dabei kneift sie eine seiner Pobacken. Die Kinder können es durch die Fenster nicht sehen, weil F. Herb mit dem Rücken zur Straße steht. Aber alle Autofahrer können es sehen. Zum Dank schenkt er ihr den Schokonikolaus.

Auch die Hünin hat ein Geschenk für F. Herb, eine rote Papierblume, die ihre Kindergartenkinder gebastelt haben. Er steckt sie in ein Knopfloch und sie gehen die Straße weiter. F. Herb geht wie ein Pinguin. Wahrscheinlich liegt es daran, dass er als Kind so viele Charly Chaplin Filme gesehen hat, zusammen mit seinem Vater. Ein dicker, untersetzter Mann mit Schnauzer – so wie F. Herb nur dicker. Wenn er lachte, versprühte er eine Fontäne von Kuchenkrümeln. F. Herbs Mutter war eine begnadete Bäckerin. Der Vater lachte häufig, wenn er Chaplin sah. Auch heute noch hat F. Herb Lust auf Apfelkuchen, wenn er „Der große Diktator“ sieht. Aber heute gibt es keinen Chaplin-Film. Und keinen Apfelkuchen. Heute gibt es etwas anderes zu Essen. „Was gibt es denn?“, fragt die Hünin F. Herb. „Wird nicht verraten“, antwortet F. Herb. „Das ist eine Überraschung.“

F. Herb und die Hünin gehen heim. Sie geht ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher ein, er geht in die Küche. Alles ist ruhig bis auf das künstliche Gelächter von der Sitcom, die die Hünin sieht. Plötzlich ertönt ein Gewehrschuss aus der Küche. Sie erschrickt. Dann noch einer. „Schatz, komm schnell!“ ruft F. Herb. Sie stürzt in die Küche wo es gerade wieder knallt, und sieht, wie Popcorn aus einem offenen Topf auf dem Gasherd durch die Küche fliegt – mehr und immer mehr, bis sich das Gewehrfeuer zu einer Salve steigert. F. Herb steht an der Seite, die Hände vor dem Schoß gefaltet. „Für dich Schatz, weil wir zu Sylvester keines hatten: Dein Feuerwerk.“

Der Gesichtsausdruck der Hünin zerschmilzt von erschrockener Besorgnis zu glücklicher Ergriffenheit. „Ohhhh“, seufzt sie gerührt. Sie umarmen sich ganz fest, und geben sich noch ein Kuss. Es ist ein langer, zärtlicher Kuss, voller Verbundenheit und Wärme. Die Vorhänge über der Spüle fangen Feuer. F. Herb und die Hünin bemerken es nicht, sie stehen aus einem Hagel aus heißem Popcorn, das nach Vanille und Fett riecht. Dann bemerken sie es aber doch. Mit einem „Wusch“ gehen die Vorhänge komplett in Flammen auf. Die Hünin lässt einen Schrei aus. Also ist sie doch wieder erschrocken und besorgt. Dann stürzt sie aus der Küche. F. Herb bleibt zurück, legt den Kopf schief und sagt: „Die Vorhänge brennen. Ich weiß jetzt nicht, was Rousseau dazu sagen würde.“ F. Herb ist nämlich Philosoph. Zur Zeit ließt er wieder die gesammelten Werke Rousseaus, Band drei. Da stürzt die Hünin wieder zurück in die Küche und löscht den Brand mit dem Feuerlöscher. Es ist ein atemberaubender Auftritt. Eins neunzig groß, breite Schultern, blaue Augen, wehende blonde Haare. Sie schwingt den Feuerlöscher mit kräftigen Armen und sprüht weißen Schaum entschlossen auf die Vorhänge, den Herd, das Fenster. Wenn du einmal einen Amazonenfilm drehen möchtest, musst du sie unbedingt besetzen. Am besten gibst du ihr einen klingenden Namen, wie Towanda, oder einen nordischen, kernigen, wie Klothildur.

F. Herb steht derweil dabei und beobachtet fasziniert seine Hünin. In seinem Kopf spielt Wagners Walkürenritt. Er überlegt, wie eine Gesellschaft wohl aussehen möge, die von solchen Frauen regiert wird. Männer wie er wären dann zur Hausarbeit und Kinderpflege abkommandiert, sie würden Staubwischen und Schnittblumen dekorativ in Vasen stellen, während die Walküren an großen, schweren Eichentischen säßen, Bier aus großen Humpen tränken und über Angriffskriege und feindliche Übernahmen sprächen. Bis er zu Ende philosophiert, brennt schon nichts mehr. Philosophen sind zum Feuerlöschen einfach nicht gemacht.

Eine Woche später ist vom Popcorn-Feuerwerks-Unglück nichts mehr zu sehen in der Küche. Die Vorhänge wurden ausgetauscht, ebenso wie der Satz Plastik-Kochgeschirr, der beim Herd hing und beim Brand verschmorte. „Eine Suppenkelle, die geformt ist wie ein Fragezeichen?“, sagte F. Herb beim Begutachten des Schadens. „Nein, so etwas kann man nicht gebrauchen.“ „Ja“, sagte die Hünin und nahm ihm den verschmorten Plastiklöffel ab. „Wir kaufen einfach einen neuen.“ Jetzt hängt ein neuer neben dem Herd, diesmal aus Edelstahl. „Da kaufen wir dann auch einen neuen Pfannenwender, einen Schneebesen und einen Schaumlöffel aus Edelstahl“ erklärte die Hünin resolut, als sie beim Einkaufen in der Haushaltswarenabteilung eines großen Kaufhauses standen. „Wie sieht denn das sonst aus.“ F. Herb widersprach nicht, und so findet bald darauf ein Obdachloser einen Pfannenwender, einen Schneebesen und einen Schaumlöffel aus Plastik in der Mülltonne der Herbs. Weil aber ein Obdachloser nie kocht, wirft er sie wieder zurück.

Suppenkellen und Vorhänge kann man ersetzen. Leider geht aber der Gestank von verschmortem Plastik nie wieder ganz aus der Küche raus. Es war ja nicht nur das Kochbesteck aus Plastik, die Vorhänge waren ja auch aus Nylon. Sie lüften, bis ihnen fast die Zehen abfrieren, und F. Herb stellt Potpourri auf. Erfolglos. Es riecht weiterhin nach verschmortem Plastik, durchzogen mit Rosenduft. Weil Hünin und Philosoph es nach ein paar Monaten satt haben, ständig an den Brand zu denken, wenn sie in der Küche stehen, entschließen sie auszuziehen. Sie suchen sich eine nette kleine Wohnung am anderen Ende der Stadt, dreieinhalb Zimmer, Souterrain. Zum Einzug essen sie Popcorn und sehen Sitcoms. Das Popcorn stammt aus der Mikrowelle. Sicherheitshalber.


In der Wohnung bleibt nichts zurück bis auf den Plastikgeruch und eine zerlesene Ausgabe von Rousseaus gesammelten Werken, Band 4. F. Herb hatte sie zum Abstützen seines Schreibtisches benutzt. Beim Auszug war es einfach auf dem Boden im Eck liegen geblieben und vergessen worden. Der Nachmieter – ein ganz unphilosophischer, 32-jähriger Kopiererreparierer – findet es das Buch, blättert es durch, und wirft es gelangweilt in die Tonne, in der auch das Plastik-Kochbesteck landete. Dort fischt es eben jener Obdachlose wieder heraus, der zuvor die Suppenkellen verschmähte. Diesmal nimmt er den Fund an sich. 

In seinem kleinen Pappkarton-Burg unter einer Brücke liest er Kapitel um Kapitel, sehr interessant findet er die Lektüre. Alle Probleme und Aufgaben die sich der Gemeinschaft stellen werden von der Gemeinschaft gemeinsam besprochen und zwar so lange, bis sich eine Lösung für alle findet. Auch hartnäckiger Plastikgeruch nach Bränden in Küchen. „Wenn es in einer Küche unbändiger Plastikgeruch vorherrscht nachdem die Vorhänge abgebrannt sind, möge sich die Hausgemeinschaft geschlossen zusammensetzen und beraten, was zu tun sei“, resümiert der Obdachlose. „Sie mögen eine einstimmige Entscheidung fällen, darüber, ob die Wohnung zu renovieren sei oder besser alle Vorhänge in allen Räumen abgebrannt werden, um eine gleichmäßige Geruchsbelästigung zu erreichen. Sodann bestimmen sie einen aus ihrer Mitte, der den Entschluss umsetze und nach Vollzug wieder vorspreche über den Erfolg.“ Philosophen sind bei Bränden einfach nicht zu gebrauchen.

Friday, February 12, 2016

Tee in Vietnam

Ach ist das schön hier. Kaum fünf Tage in Vietnam und schon geh ich entspannter, sitze aufrecht und habe Sonnenbrand.
Wir kamen Freitag abend in ho chi minh City an und blieben in einem netten Hostel namens hello house, mitten bei den backpackern aber in einer Seitenstraße, leise und sehr sauber. Am nächsten Tag, Samstag, sahen wir uns dem Reunification palace und das war remnants Museum an, lernten viel über den Krieg und danach und hatten zum ersten mal das Gefühl, dass sich Amerikaner auch mal fühlen können wir Deutsche in Yad Vashem - zumindest ansatzweise.
Sonntag flogen wir auf die Insel Phu Quoc. Sie liegt westlich der Küste, schon ziemlich nah an Kambodscha, und zeigt leider kein schönes Bild der Vietnamesen. Es liegt wirklich viel Müll überall, auch am Strand, überall wird gebaut und es gibt viele Wellblechhütten, in denen Vietnamesen eher ärmlich wohnen.
Die ersten zwei Nächte blieben wir in einer einfachen Anlage mitten im Dschungel. Sehr entspannt, viele Backpacker mit denen wir reden konnten und austauschen, gutes Essen zu vernünftigen Preisen. Wir gingen jeden Tag einige Minuten durch den Dschungel zum Strand. Hier zeigte sich wieder, dass es vermüllt war und im Dschungel wurde viel gebaut und gerodet. Letztendlich lagen wir auch immer auf dem Strand eines Privatresourts. Nach zwei Tagen hat es uns gereicht und wir wanderten gleich über in das Ressort eins weiter - Mango Bay, vier Sterne, bestes Hotel der Insel nach Trip Adviser 2014, und was soll ich sagen: traumhaft. Wunderschöner Bungalow am Strand, sauber, freundlich, schnorchelsachen und Kanu inklusive, Tee, gutes Obst...
Heut waren wir zum Abschluss auf dem night market in Dung Doung. Es ist eigentlich nur eine kleine Straße in der am Anfang Restaurants sind mit riesigen Tanks voller Hummer, Krabben, Krebsen, Schnecken, schlangen und Haien (?!), dahinter kommen die Süßigkeiten und dann Stände mit Perlenschmuck.
Phu quoc ist für seine Perlen ziemlich berühmt. Aber auch für seinen Pfeffer. Der wird hier viel angebaut und schmeckt wirklich sehr gut. Die Einheimischen mischen auch Pfeffer, limette und chillie und haben schließlich sowas wie das thailändische Nam pla. Sehr gut zu Fisch, Fleisch, allem.  Mango wird ebenfalls angebaut, Vanille und Kokosnüsse, und was soll ich sagen: alles extrem köstlich.
Die Insel hat auch gutes Wasser, schon direkt an der Küste sahen wir große Fischsschwärme. Aber sie hat auch eine dunkle Vergangenheit: während der französischen Kolonialherrschaft und unter Diem war hier das Gefängnis für politische Gefangene, und das war, muss man leider sagen, die reinste Folterkammer. Wer Details möchte, kann gern nachfragen, hier spare ich mir und euch den Rest. Zumindest muss gesagt werden, dass es ein wirklich guter Grund für den Krieg war, der erst gegen das Stellvertreterregime und später direkt gegen die USA geführt wurde.
Inzwischen muss man aber sagen, dass die Insel ihre Vergangenheit abgestreift hat. Es sind wunderschöne Strände und traumhaftes Wetter.
Ich trinke jetzt meinen Tee aus und gehe schlafen, umringt von Zikaden und Meeresrauschen. Gut Nacht

Saturday, July 4, 2015

Immer wieder Türen

Diese Exen immer wieder, die stellen einen echt vor spontane Aufgaben. Die lassen einem das Blut in den Kopf schießen, voll die Stresssituation, und dann weißt du wieder nicht. Bei Extemporalen gibt es immerhin ein richtig und ein falsch, aber bei Exen, das ist immer Sozialverhalten, und blöd halt, ob richtig oder falsch merkt man immer erst Jahre später.
Hab ich euch eigentlich erzählt, dass der Hauptbahnhof - Ex, der dann garnicht der Ex war, Naja, auf jeden Fall der, dessen Begegnung für mich wie eine Extemporale war, dass der Lehrer war, oder mal werden wollte? Diese Ironie wieder, fast schon so, dass man darüber singen will wie Alanis. Das erzähl ich euch aber gleich, dass er Musiklehrer werden wollte, der Extemporalen-Ex. Und wo ich gerade dabei bin, erzähl ich euch auch, dass ich von ihm echt Musik geschenkt bekommen hab. Die live Version von learning to fly, die ich dauernd poste, die hab ich von ihm.
Ja, ok. Es ist ja jetzt klar, dieser Blog handelt von diesem Mann. Es geht total um ihn, aber eigentlich geht es um Türen.
Über Türen hab ich ja schon viel geschrieben, Türen die Privatsphären schaffen und dicke Luft verursachen.
Jetzt geht es aber um Türen, die geschlossen sind.
Zu diesem Ex habe ich eine Tür geöffnet gehabt, um mal zu reden. Ganz vorsichtig hab ich sie geöffnet, wenn überhaupt, eigentlich hab ich nur einen Zettel unten durch geschoben. Weil ich halt im Schreiben auch einfach besser bin als im reden, hab ich halt geschrieben. Er hat war echt nett und hat geantwortet, also per Mail, Zettel unter der Tür. Ich hab dann zurück geschrieben, auch, dass man die Tür mal öffnen könnte und live miteinander reden. Aber blöd, dann kam nix. Drum hab ich dann irgendwann geschrieben, dass ich dir Kiste jetzt zu mach. Und siehe da, dann kam was. Dann kam ne Antwort, mit Details wie es ihm so geht, angeschnitten, aber doch das was man so bespricht bei offenen Türen. Und wieder blöd: fand ich schon echt schade, dass die Tür da zu war.
Jetzt natürlich ich, denk mir hab ich es versaut, hätte ich mal irgendwann die Tür aufgemacht. Aber Angst. Angst essen Seele auf.
Drum komm ich jetzt wieder auf die Türen und dieses Sprichwort. Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich ein Fenster. Und was echt mal gesagt werden muss: so ein Blödsinn.
Wenn sich eine Tür schließt, machst du sie einfach wieder auf. Auch von der anderen Seite. Was soll das mit dem Fenster, soll ich da durch klettern oder durch rufen oder was? Oder buschtrommeln? Ich kann sie doch einfach wieder öffnen. Oder halt der andere.
Jetzt halt spannend. Vielleicht macht er sie ja wieder auf, oder er klingelt mal an und wir reden durch die Gegensprechanlage. Mal sehen. Er hat ja meine Nummer.

Tuesday, June 23, 2015

Blogtitel

Oh gott, mir fällt es wie Schuppen von den Augen... Der Blogtitel... Der ultimative, einzigartige Blogtitel... Der unweigerliche Blogtitel, der mich die Einzelblogs auch hätte strukturieren lassen und als schön ordentlich aufräumen... Dieser Blogtitel, der für den ersten Teil des Blogs so offensichtlich war, dass er mir schon direkt auf dem Gesicht saß!!!

Lisabonn

Wednesday, May 20, 2015

Ode an den Regen

"Und fällt dem Regen ein er wollt mein' Wagen ja noch waschen"

...

Das ist ja echt nett von dir, aber mach dir keine Mühe, der wird nicht sauberer.

...

Echt, ich hab da schon wie besessen rumgeschrubt, der Dreck geht nicht an.

...

Mit nem Spachtel, Alter, mit nem Spachtel hab ich da rum gekratzt! Sinnlos!

...

OK, ich habs verstanden, du bist entschlossen. Aber bitte hör trotzdem wieder auf, ich hab meine Schwimmflügelchen nicht dabei.

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Die Autorin verschwand kurz darauf in einem Autobahnsee, wo sich plötzlich ein Urzeit-Monster erhob und sie samt ihrem dreckigen, kleinen Wagen verschluckte. Das letzte was sie sagte war ein erschrockenes "Hups!"
Das Monster musste nicht einmal kauen.

Friday, December 12, 2014

Unzureichend

Seltsame Dinge passieren... Bryan Adams hat sich dafür eine Gitarre machen lassen auf der da steht: "These are crazy days." ich spiele keine Gitarre, jetzt muss ich mir anders behelfen...
Ein Behelfsblog:

Ich bin irgendwo zwischen Augsburg und München verloren gegangen. Gestern Abend saß ich in einem Raum voller alter Männer und Frauen die sich gegenseitig kritisiert und gewählt haben. Bis auf einen jungen Mann. Den haben sie nicht kritisiert aber auch nicht gewählt.
Tagsüber saß ich dafür in einem Großraumbüro mit lauter jungen Frauen und Männern. Die haben sich nicht gewählt, weil in der freien Wirtschaft nicht gewählt wird. Dafür haben auch sie Gegenteiltag. Die haben den Antrag bekommen, eine junge Dame nicht gehen zu lassen bis April, und am nächsten Tag kommt die Mail, dass sie nur noch bis Weihnachten bleibt. Nein, nicht ich, nein nein, jemand anders, die ist auch garnicht hier in Augsburg oder München, nein nein.
Gleichzeitig schreibt Berlin und die Niederlande... Dass einen da keiner warnt! Na gut, dann mach ich das mal schnell hier:
Wenn du durch die Gegend ziehst und heute mal hier lebst und morgen da, wenn du zum Beispiel alle zwei Jahre Job wechselst und dabei immer in unterschiedliche Städte ziehst, dann hinterlässt du dabei nicht nur Wohnungen, sondern auch Freunde. Ja, weißt du denn, was das heißt? Zum Kaffee trinken brauchst du ja neue Leute vor Ort. Die tollen Leute vom letzten Ort willst du aber nicht lassen, drum hängst du entweder richtig viel in Zügen rum oder am Telefon. So machst du das weiter und weiter, bis du in Deutschland eine Spur der verwüsteten Freundschaften hinterlässt... Überleg es dir gut!
Trotzdem werd ich umziehen. Diesmal nach Augsburg. Na, das ist ja ganz vernünftig, nicht wahr?

Outtakes

Fahrkartenkontrolletti, stürze mich nicht in Dilemmas! Entscheide dich, bist du Man oder Frau? Wie soll ich dich gendern ohne deine Hilfe?
Und wieso tust du nichts gegen den Unsinn in deinem Betrieb? Wieso fahren alle fünf Minuten Busse und Trams, aber keiner davon zu eurem größten Arbeitgeber? Aber ihr könnt euch Ineffizienz ja leisten nicht wahr, bei der Verkehrssituation. Drei mal bin ich Rad gefahren, drei Schrauben habe ich verloren auf eurem Kopfsteinpflaster. Alte, dicke Menschen haben mich beleidigt, weil ich auf fünf Meter breiten Gehwegen fuhr. Selbst da habt ihr keine Radwege geschaffen.
In geschaffen stecken Affen. Das war Absicht.

Saturday, August 30, 2014

Anleitung

1.  Atmen Sie durch den Mund. Drücken Sie die Klinke mit einem bekleideten Teil ihres Körpers herunter, zum Beispiel iIhren Ellenbogen. Schieben Sie die Tür auf und betreten Sie die Kabine. Schließen Sie nun die Tür, indem Sie sie mit ihren Fuß zuschieben. Falls Sie bei irgendeinem dieser Punkte vergessen haben, durch den Mund zu atmen, fällt Ihnen auf, dass das ein Fehler war.
2. Drapieren Sie einige Streifen Toilettenpapier auf der Brille. Öffnen Sie danach Ihre Hose und lassen Sie sie herunter. Setzen Sie sich nun auf die Schüssel bzw. das Toilettenpapier und verrichten Sie nun ihr Geschäft.
Falls Sie es vorgezogen haben, nur in die Hocke zu gehen statt sich auf die Schüssel zu setzen, kollidieren sie in der nächsten Kurve unsanft mit der Kabinenverkleidung. Dabei bepinkeln Sie nicht nur das Interieur, sondern auch sich selbst. Durch die schmerzhafte Kollision Ihres Kopfes mit der Wand atmen Sie zudem reflexhaft durch die Nase den beißenden Uringeruch in der Kabine ein und bemerken beschämt, dass er von Ihnen stammt. Angewidert korrigieren Sie: teilweise von Ihnen stammt. Das können Sie nicht allein gewesen sein.
3. Nutzen Sie das bereitgestellte, zumindest idealerweise, Toilettenpapier.  Nun ist der schwierigste Teil geschafft. Es bleibt nur noch das Händewaschen.
4. Da Sie wussten, dass sie in einem völlig überfüllten Zug an einem Wochenende keine Seife finden würden, haben Sie ihr Seifenstück selbständig mitgebracht.
[Pause für Gelächter]
Spaß beiseite, in den deutschen Zügen ist häufig tatsächlich Seife als auch Toilettenpapier vorhanden, zumindest ist mir bei meinen Pendeleien überraschend selten eines von beiden abgegangen. In französischen Zügen ist das etwas anders. Mon dieu les francais! Qu'est ce qui vous arrivent?!
Heute wollen wir einmal davon ausgehen, dass Sie solche Züge primär auf Urlaubsreisen nutzen und dann tatsächlich Seife, Taschentücher und eventuell sogar Desinfektionsmittel dabei haben. Gehen wir im vorliegenden Fall nun einmal davon aus, dass keine Seife vorhanden ist. Weiter im Text:
5. Starten Sie den Wasserstrahl durch verzweifeltes Wedeln der Hände vor dem Lichtsensor. Der Wasserstrahl ist sehr schwach. Dennoch schaffen Sie es, sich vollzuspritzen durch die reibenden Handbewegungen in dem viel zu kleinen Waschbecken. Trocknen Sie Ihre Hände anschließend mit eventuell vorhandenen Papiertüchern. Alternativ wedeln Sie solange mit den Händen, bis sich der Aggregatzustand der Flüssigkeit auf Ihren Händen von nass zu feucht gewandelt hat.
6. Nun können Sie beruhigt wieder an ihren Platz zurückkehren. Falls Sie keine Seife vorgefunden haben, bedenken Sie beim Öffnen der Tür, dass die vorherigen Toilettenbenutzer auch keine Seife hatten. Bereuen Sie es jetzt, der Anleitung zuwider die Tür vorher mit der Hand geöffnet und geschlossen zu haben? Das dachte ich mir. Ich gehe davon aus, dass Sie zumindest beim Verlassen der Toilette nun den Ellenbogen zum Türoffnen verwenden.
7. Leicht bepinkelt, mit dreckigen Händen und Wasserspritzern auf der Hose sitzen Sie wieder an Ihrem Platz. Die Beule an Ihrem Kopf pocht sanft. Sie geloben sich, das das nächste Mal besser zu machen. Dennoch möchte ich Sie beglückwünschen: Sie haben es geschafft und sind in einen Zug aufs Klo gegangen!

Thursday, June 19, 2014

Wo haben sie denn den ausgegraben?

Fährt der Bus um die Ecke ist die Ecke weg.
Es verschwindet immer das, womit du nicht rechnest. Du denkst, du verpasst den Bus, aber in Wirklichkeit verschwindet etwas ganz anderes. Du willst mit Freunden wandern, und in Wirklichkeit wollen sie nur ein Liebesnest. Deine Tasche wird geklaut und du machst dir am meisten Sorgen um Schlüssel und Bankkarte, aber in Wirklichkeit vermisst du am meisten deine Schlafbrille und die Tanzschuhe. Ehrlich, warum klaut jemand gebrauchte Tanzschuhe, und eine Schlafbrille? Da waren sogar noch Mascaraflecken drauf, Alter ich glaub's nicht. Der Dieb hat die ganzen Bankkarten zurück in die Tasche geschmissen und die Tasche an ne Straßenlatnerne gelehnt, sogar das Kleingeld, das wollt er nicht. Aber die Schlafbrille und n paar stinkender Tanzschuhe.
Man weiß etwas erst zu schätzen, wenn man es verloren hat. Schon tausendmal gesagt, nur in anderen Worten. Nein, gelogen. Eher millionenmal. Zum Beispiel die Arbeit. Hatte ich vor einem halben Jahr noch Angst, diese Stelle zu verlieren und etwas anderes machen zu müssen, vielleicht weit weg von zuhause. Inzwischen ist die Stelle fest, ich kann aufbauen, weitermachen, in meiner gewohnten Kuschelumgebung. Statt dessen geht mir der Mann abhanden. Hups, damit habe ich mal nicht gerechnet.
Dann kam das Motorrad. Eine Virago 535 sollte es werden, wie es sie hunderte, nein, tausende gibt, aber nein. Diese ist speziell, sie ist rosa. Cadillac rosa, mit Originallack von 1958 - ein Pink Cadillac, wie Elvis in seiner Mutter geschenkt hat. Was hab ich mir Gedanken gemacht, dass es zu teuer sein könnte. Dann schau ich es mir an, und siehe da, dieses Teil ist zu schwer für mich. SoB, 200 Kilo Straßenkreuzer, das ist ja schon im Stehen schwer. Nun denke mal du gerätst ins Wackeln und die fällt mit Schwung zur Seite, nur dein Beinchen, dass sie aufhält. Aus der Traum. Nee nee nee, tu mal lieber die Möhrchen. Es wird ein kleines Ding werden, vielleicht einfach so ne kleine Kawa wie ich sie jetzt fahr in der Fahrschule, die mit meinem Hüftschwung in die Kurve fährt. Jetzt weiß ich, wofür dieses ganze Tanzen nötig war, Hüftschwung üben, damit diese Maschine brav in die Kurve fällt, und in die nächste, wenn ich oben drauf mit dem Hintern wackle. Das ist schön. Nur wo ich die ausgraben soll weiß ich nicht.
Dafür habe ich was anderes ausgegraben, ein Lied, und das war wirklich vergraben, so richtig. Vor sechzehn Jahren lief das einmal auf Viva, na ok vielleicht zweimal. Davon war ich hin und weg. Nils Bokelberg hat es vorgestellt, kennt ihr den noch, diesen alternativen Jesus-Gruncher? Der war auf Viva auch Moderator, damals, mit Mola Adebisi und Eni van de Meiklok-ja-wie-heißt-sie-jetzt, Meiklokjes? Damals, als MTV noch Englisch war und VH1 im FreeTV lief. VH1 mit Pop-Up-Video, dieser einmaligen Erfindung, VH1 wo Meat Loaf erklärte er habe keine Ahnung was "that" aus seinem Hitlied "Anything for love but I won't do that" war? Na, auf jeden Fall blieb nur der Text und die Melodie im Kopf, klar, weil ich es immer wieder unter der Dusche sang. Nun kann man ja nach Texten googeln und hepp kriegt man das Video, den Titel, und die Schuhgröße des Sängers. Pardauz, nicht bei diesem Lied.
Etwa einmal im Jahr hab ich danach gegoogelt, hoffnungsfrei aber beharrlich. Und dann fand ich es - vor ein paar Wochen erst, als ich mir Spotify anlegte. Und siehe da - nicht nur fand ich es, nein, sie haben es auch bei Spotify. Es heißt "Schlagartig" und stammt von Cucumber Men. Aber wieder die Sache mit dem Bus und der Ecke. Sitz ich im Bus und hör das Lied, holde Glückseligkeit erwartend. Sitz da so, Stöpsel in den Ohren, und wie mir der Text vor den Augen stand: "Und der Tag ist noch lang, ich komme kaum noch mit, schlurfend-schleppender Gang. Ich fühle mich wie ausgekotzt, nun kuck mich doch an. Hab drin nochwas vergessen bitte warte so lang." Is jetzt nicht ein Lied für immer, so für jeden Tag, ne, aber wennste mal nen Kater hast, oder wenn jemand mal mit Karacho ne Weile auf dir rumgetrampelt ist, dann, ja dann, dann ist das der Brüller, dieses Lied laut zu brüllen. Darauf hab ich gewartet, und mir kam's vor wie der Gipfel des Mount Everest, wie die Oase in der Wüste als ich langsam und immernoch ungläubig auf "Play" drückte. Aber doof. War lang nicht so gut wie in meinem Kopf. In Wirklichkeit nur ein depressiver Song von einer besseren Garagenband, deren Sänger nicht besonders gut singen kann.

Thursday, April 17, 2014

Danke für's Heimbringen

U-Bahnfahrerinnen und U-Bahnfahrer mit Äpfeln beschenken. Sollte man mal machen. Weil sie wieder selber Durchsagen sprechen. Das sollte unbedingt belohnt werden, mit einem Apfel, wie man einer Lehrerin oder einem Lehrer mal einen Apfel schenkt, mit einem dankenden Nicken. Mehr muss garnicht sein.
U-Bahn-fahren hat etwas unglaublich Beruhigendes, Heimeliges. Sonore Stimmen schnurren dir zu: "Nächster Halt: Kolumbusplatz." "Nächster Halt: Frauenhoferstraße." "Nächster Halt: Sendlinger Tor." Immer in der gleichen ruhigen Gemütsverfassung. Jovial freundlich. Kein Deut davon haben wir, ihre Gäste an sich, wir drängeln und schubsen, blockieren beim Einsteigen die Aussteigenden, stehen mittenmang im U-Bahn Gang und blockieren die Einsteigenden. Menschen in der Masse sind ja immer schwierig, manche sagen sogar gefährlich. Und wo ein einzelner Mensch oder eine kleine Gruppe ganz nett, umgänglich und achtsam sind, werden sie in den Tunneln in München zu rempelnden Rüpeln. Und ich mitten unter ihnen. U-Bahnfahrerinnen und Fahrer hätten guten Grund, an der Freundlichkeit der Menschen im Miteinander zu zweifeln, ach was sag ich: an der Unfreundlichkeit der Menschen im Miteinander zu verzweifeln. Aber nein. Sie schuckeln dich weiter durch den Berufsverkehr, unter der Isar durch, unter dem chinesischen Turm durch, unter dem verstopften Mittleren Ring, den Kneipen Haidhausens, der Kaufinger Straße, OEZ, PEP und Messestadt Ost durch. Und sagen weiterhin freundlich jovial: Nächster Halt: Candidplatz.
Candidplatz ist meine Lieblingsubahn-Station in ganz München. Sie ist wie wenn durch einen Regenbogen gehst. Das meine ich ganz wörtlich, farblich. Schön ist auch die Frauenhofer Straße, weil sie eine gelbe Schwester hat, das Sendlinger Tor. Gelb ist auch die Poccistraße. Gelb mit Säulen. Wobei die am Sendlinger Tor nur oben sind, wo das Sendlinger Tor blau ist. Wie die U-6, die oben fährt. Die ist die blaue Linie.
Schön sind nun nicht alle U-Bahnstationen tatsächlich. Aber sauber. Weil die Stadt große Summen dafür ausgibt, sie zu putzen. Gut einmal die Woche stoppen zwei Männer in organgenen Arbeitsmonturen den Wasserstrahl, mit dem sie die Treppe abspritzen, damit eine Handvoll Nachtschwärmer und ich die Treppen trocken hochlaufen können. Sie entfernen Hundescheiße genauso wie Kaugummis, Erbrochenes wie Müll, Kippen, Spucke, Dreck und nochmal Dreck von den hunderten bis tausenden von Menschen, die aus Wind und Wetter in die Tunnel stürmen.
Manchmal putzen sie sogar die Decke. Haben Sie schon mal ihre Decke geputzt? Vielleicht von Ihrer Garage? Also wie das Dach, nur von innen? Das macht doch kein Mensch. Aber die Leute von der Stadt, die machen das. Die haben lange Stangen mit Wischern dran - ja, die sehen so etwa aus wie ein handelsüblicher Mopp, nur mit viel längeren Stilen - und damit wischen sie die Decke. Vielleicht albern, sagen Sie, ja, ja, schon. Aber danach sind die wieder hübsch hell und glänzen. Und Sie streichen ja auch mal Ihre Decken. Die Leute von der Stadt tun das nur öfter. Und das Ergebnis sind helle Tunnel, in denen man sich auch nachts um drei beim Heimgehen nicht gruselt. Konsequenterweise, das muss hier noch erwähnt werden, putzen sie natürlich auch die Wände. Das ist doch super, oder?
Und das alles, obwohl wir U-Bahn-Fahrer, wir Gäste des MVV, uns häufig wirklich daneben benehmen, schubsen und spuken, Müll liegenlassen, Getränke verschütten, und überhaupt leider immer ein bißchen grob sind und nicht so viel aneinander denken. Wir denken auch nicht so häufig an die U-Bahnfahrerinnen und Fahrer, und die Reinigungsleute. Zumindest nicht, dass man's merkt. Drum wollt ich einmal laut und deutlich danke sagen. U-Bahnfahren in München ist toll. Danke für's Nachhausebringen.