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Saturday, February 1, 2020

Das Albinoschwein

 Das Albinoschwein
Unweit von den schönen Feldern zwischen dem Sportzentrum und der Universität lebt das Albinoschwein. Dort wo sich Hasen tummeln, dort in der Nähe von vielen Rehen und manchmal einem Fuchs und mal einem Falken lebt es unter den Bäumen des botanischen Gartens und stöbert sich durch die Gegend. Bevorzugt liegt es unter einer Hecke Richtung Straße und man sieht von seinem gewaltigen weißen Körper nur den Kopf mit dem langen zuckenden Rüssel.
Das faule Schwein
Es liegt dort im Herbst mal für eine ganze Woche unbeweglich unter dieser Hecke hinter dem Botanischen Garten Richtung Straße, und dort liegt es weil es dort besonders gute Pilzplätze gibt. Besonders schön ist es im Übergang zwischen Sommer und Herbst, wenn es noch warm genug ist, aber schon feucht genug für viele Pilze, die aus dem Boden sprießen. Dann liegt das Albinoschwein, sein Körper versteckt von grünen Bäumen und Büschen, dort und wartet, bis im Regen mal wieder ein Pilz direkt vor seiner Nase aus dem Boden geschossen kommt - wie die Pilze sozusagen! - und dann macht es HAMMS und frisst den Pilz auf. Das ist eine Stelle, da passiert das sooft, dass es sich während der ganzen Regenzeit kaum zu bewegen braucht. Eigentlich gar nicht. Seine Verdauung ist derart auf diese Pilze spezialisiert, dass von den Pilzen am Ende nichts mehr übrig bleibt. Und wie kommt das?
Das liegt daran, dass schon seit Generationen dieses faule Verhalten im Blut des Albinoschweins steckt. Schon sein Vater und sein Großvater lagen dort und fraßen - Happs! - Pilze, die aus dem Boden sprossen.
Einmal, so sagt die Legende, hätte der Urururururgroßvater von unserem heutigen Schwein einen derart verregneten Sommer erlebt, dass er zwei Monate ohne Bewegung ausharren konnte an diesem Fleck. Und ihm - dem Urururururgroßvater von unserem jetzigen Schwein ist es auch zu verdanken, dass ein Albinoschwein tage- und wochenlang auskommen kann ohne aufs Klo zu gehen. Daher kommt der Luxus von unserem faulen Albinoschwein, das da tagelang in der Gegend herumliegt und Pilze frisst.
Ach, was für ein schönes Leben, das das Albinoschwein führt, könnte man jetzt denken. Den ganzen Tag faul in der Gegend herum liegen und fressen. Wie im Schlaraffenland. Ja, könnte man sagen, es ist gar kein Albinoschwein, es ist ein Schlaraffenschwein!
Aber lasst euch nicht den Blick trüben von dieser Woche Luxus – oder auch zwei, je nach Regenperiode! - die das Albinoschwein im Jahr genießt. Normalerweise ist die Nahrungsbeschaffung unseres weißhäutigen Freundes deutlich komplizierter und mit viel mehr Bewegung verbunden. Zum Beispiel im Sommer.
Das wilde Schwein
Im Sommer muss das Schwein umherlaufen und den Boden durchstöbern und da frisst es, was ihm vor den Rüssel kommt. Besonders schön ist es im Sommer, wenn man leckere Blüten aus dem Botanischen Garten essen kann und faule Studenten Picknicks auf der Wiese machen, deren Reste sie nicht verzehren, sondern in Mülleimer werfen oder auf der Wiese lassen. Ganz im Gegensatz zum weitläufigen Vorurteil sind die Studenten eigentlich ganz ordentliche Gesellen, die ihren Müll schön stapeln. Das Chaos auf der Uniwiese liegt nur am Albinoschwein, das später durch die Lande zieht und diese Müllhalden wieder zerstört! Es durchwühlt die Reste so lange, bis es das Beste darin findet und pickt es sich heraus, denn so ein Albinoschwein​ ​ist ein Delikatessenesser.
Das Jagdschwein
Wenn es sich gerade nicht von Blüten oder Müllhalden ernährt, dann frisst das Albinoschwein auch mal

 ein Eichhörnchen oder einen Hasen. Was der Ottonormalverbraucher gar nicht weiß oder gerne wieder vergisst, ist, dass ein Schwein ein Allesfresser ist. Im Gegensatz zum weit​ ​verbreiteten Glauben isst es
nicht vegetarisch, nein, im Gegenteil, es isst auch gerne mal ein frisches Stück Fleisch! Unser Schwein ist ein besonders wildes Schwein. Es galoppiert durch die Gegend, Hügel herauf, Hügel herab, Bergketten entlang, es weicht wilden Fahrradfahrern aus, es springt über Erdlöcher und daher kann es auch einen Hasen jagen, oder, noch besser, ein Eichhörnchen. Hasen jagen ist schwierig, die schlagen so viele Haken, aber Eichhörnchen, man denkt es nicht, sind nicht nur besonders possierlich, sie sind auch besonders dumm.
Sie halten unser Albinoschwein wie viele Menschen für einen Gemüseesser. Dabei stimmt das gar nicht. Ein fataler Fehler! Denn so hat das Albinoschwein ein leichtes Spiel.​ ​Es schleicht sich an, relativ laut, denn so ein Schwein, das schleicht sehr schlecht, schleicht sich an das Eichhörnchen ran, wenn es da sitzt und eine Nuss knackt. Das Eichhörnchen hält es für einen freundlichen Gesellen und bewegt sich nicht. Es ist völlig besessen von seiner Nuss! Dann kommt unser Albinoschwein dahergetrottet, reist sein Maul auf und mit einem Happs ist das Eichhörnchen verschluckt.
Das verliebte Schwein
Freilich ist dem Albinoschwein auch die Liebe nicht fremd. Wenn im Frühling die Bäume wieder erwachen und die Blumen sprießen, flattern nicht nur um, sondern auch im dem Schweinebauch die Schmetterlinge. Es wird von einer Hetze erfasst, die es nicht mehr in Ruhe lässt, ein rasendes Toben erfasst es, das nur von einer gestillt werden kann: Anita!
Schwein trifft Anita einmal jährlich und die beiden verbringen die zwei süßesten Wochen. Anita ist ein srilankesisches Austauschschwein. Jahrelang hatte sich Schwein mit dieser Horde von Eindringlingen herum geärgert, die da auf seinen Campus einfielen, sein Futter fraßen und in seinem See badeten. Bis Anita an ihm vorbei galoppierte. Ihre langen schwarzen Haare flatterten im Wind wie eine Woge aus flüssigem Ebenholz, ihr gewaltiger Bauch schwang im Rhythmus ihrer Hufe von links nach rechts und ein glockenhelles Lachen begleitete sie. Schwein war ihr gefolgt wie in Trance, hatte ihre Bewegungen beobachtet und ihren Schweiß gerochen. Doch es konnte sie nicht ansprechen in der Horde von gackernden Schweininnen, mit denen sie immer unterwegs war.
Eines Abends jedoch traf er sie allein. Sie stand auf einem Hügel im Sonnenuntergang und ihre Vorderpfote hatte sich in einem Butterpapier verfangen. Sie schimpfte wie ein Fuhrkutscher, mit verzweifelten Bemühungen schüttelte sie ihren rechten Huf, ächzte und stieß ihn in den Boden, aber das vermaledeite Butterpapier klebte an ihr wie Fliegen an der, naja egal. Da hatte Schwein seine Gelegenheit erkannt: entschlossen war es vorgetreten und stampfte mit seiner Pfote auf das Papier. Anita hatte die Luft eingesogen, als sie ihm in die Augen blickte. Vielleicht war es nur die Aufregung durch die körperliche Anstrengung im Kampf mit dem Butterpapier gewesen, doch Schwein hätte schwören können, dass die zarte Blässe ihrer Wangen durch seinen Blick leicht gerötet wurde. Mit einer federleichten Bewegung hatte sie ihren Fuß von dem liederlichen Papier befreit, das er dann mit einer kräftigen Bewegung seiner Schnauze zur Seite stieb. „Danke schön“ hatte sie gesagt und er hatte geantwortet: „Ich bin Schwein.“ Danach waren sie unzertrennlich gewesen. Er hatte ihr den Campus gezeigt, die Restesammlung der Bio-Cafeteria, die delikaten Ginkobäume, die weiten Felder des Sportzentrums und den verwilderte Garten am Klinikum. Sie hatte ihm von Sri Lanka erzählt und ihm das Lesen beigebracht. Dazu waren sie zum Kindergarten gelaufen und hatten bei den Spielen zugeschaut, wo die Kindergärtnerin Tafeln hochhielt und komische Geräusche dazu machte. Mit Anitas Hilfe hatte Schwein die Striche verstehen gelernt und die Töne, für die sie standen, zu Wörtern zusammen setzen können.​ ​Im nächsten Jahr war sie wieder gekommen, und sie hatten weiter gelernt und gespielt.​ ​Als sie dabei einmal durch das kleine Waldstück bei der Autobahnbrücke streunten war es passiert. Sie hatten Fang-den-Tausendfüssler gespielt, ein klassisches Schweinespiel, bei dem das eine Schwein den Boden aufwühlt um den Tausendfüßler aus seinem Loch zu locken, und das andere Schwein den Tausendfüßler so lange drangsaliert, bis er in das Maul vom ersten Schwein läuft. Mit viel Gekicher hatte Anita den Boden aufgewühlt, und Schwein stürzte sich voller Elan auf das Krabbeltier als seine und Anitas Rüssel zusammen stießen. Wieder hatte Anita ihren Atem eingesogen als sich ihre Blicke trafen, wieder war sie rot geworden, aber diesmal verzog sich ihre Schnauze zu einem Lächeln. Mit einem saugenden

 Geräusch hatten sich ihre Mäuler getroffen, und diesmal war es Schwein, der rot wurde. Ein Schmatzen folgte und ein „Plopp“, als sich ihre Mäuler wieder trennten. Schwein hatte gar nicht reagieren können, er versuchte etwas zu sagen, aber sein Kopf war überfließend voll von Seifenblasen, die zerplatzen, „plopp“, „plopp“, „plopp“. Sie waren einfach wieder zurück zum Campus gegangen, nur diesmal Pfote an Pfote, die weiche Haut ihres Oberschenkels gepresst an seine. Der Kuss hatte sich natürlich wiederholt und erweitert. Das war jetzt vier Jahre her und wiederholte sich jährlich für zwei Monate im Frühling.
Schwein freute sich schon auf den nächsten Frühling. Aber das war noch ein halbes Jahr hin, jetzt galt es erst einmal, die Pilzsaison zu genießen.
Schön ist es hier. Es ist gerade Ende der Regenzeit, drei schöne Wochen hatte es liegen können und langsam wurde es wieder kalt. Es würde sich bald einen Blätterhaufen in der Tiefgarage bauen müssen, wo es sich im Winter gemütlich verstecken konnte, aber noch ist es nicht soweit.​ ​Noch liegt es geschützt vor der Sonne unter dem Blätterdach der großen Buche im kühlen Gras. Ein Windhauch streift vorbei und verursacht ein laues Rascheln. Das Albinoschwein schläft ein.
Als es nachts wieder erwacht steht ein Pilz vor seiner Nase. Nicht lange. Der Kopf kippt nach links, der Kiefer klappt auf und mit einem schmatzenden Geräusch, saugend und feucht, wird der Pilz zwischen die Zähne genommen. Mit gewaltigem Schwung schließt sich der Kiefer wieder. Rumms. Der Pilz ist weg, in der Mundhöhle des Schweins, zerdrückt von einer fleischigen Zunge wandert er hinab in die schwarze Magengrube des weißen Schweins. Es rülpst und schläft weiter.
Plötzlich schlägt es die Augen wieder auf. Irgendetwas war. Lärm. Doch welcher? Weder war es ein Auto mit kreischenden Reifen und kreischenden Studenten, noch ein Bus mit alten Menschen, noch ein Sanka der mit Blaulicht zum Klinikum hochjagt. Auch kein Fahrradfahrer, betrunken oder nüchtern, kein Jogger, und beileibe mitten in der Nacht im Oktober auch kein verliebtes Pärchen.
Es war eine Kettensäge.
Mit einer gewaltigen Anstrengung rappelte es sich hoch. Seine Glieder schmerzten, zu lange hatte es auf seiner faulen Haut gelegen, seine Beine waren die Anstrengung nicht ehr gewohnt, die Muskeln waren abgeschlafft, müde, weich. Sein Körper ächzte als es sich unbeholfen in einen watscheligen Galopp aufmachte, gerade noch rechtzeitig bevor der armdicke Ast, den der Gärtner über seinem Kopf abgesägt hatte, ihn treffen konnte. Schwein hörte den dumpfen Aufprall auf der weichen Erde hinter ihm, Angstschweiß trat auf seine Stirn. Doch das Geräusch beschleunigte es, japsend und keuchend machte es sich auf den Weg zum Inneren des Campus. Eine weite Wiese lag vor ihm, und plötzlich wurde es ihm bewusst, wie ungeschützt und offen die Lichtung vor ihm war. Es blieb stehen und blickte sich zitternd um. Wie auf Eierschalen trat es​ ​weiter nach vorne. Es war so seltsam, jahrelang war es über die Wiesen gehoppelt, frei und unbekümmert im Sonnenschein, umgeben von Blumen und Schmetterlingen. Plötzlich hatte es Angst. Alles hatte sich verändert. Das Mondlicht war nicht mehr romantisch, sondern kalt und grausam, der Tau auf den Grasstängeln war nicht mehr erfrischend, sondern machte es fröstelnd. „Wo soll ich hin?“ fragte es verwirrt. „Wrrrrrrääähhhhrr,“ gab die Kettensäge zur Antwort, „wrrrrääääähhhrr, wrrrääährrrrrr.“
Schaurige Bilder traten dem Albinoschwein vors innere Auge, Bilder von ihm, erschlagen von einem Ast auf dem Pilzplatz mit gebrochenem Rückrat, oder schlimmer, Bilder davon, wie sich die Kettensäge in seinen weichen Hals fraß, seine Augen ausdruckslos geöffnet, während seine Haut sich langsam rot färbte. Die Schmerzen seiner Muskeln ignorierend lief es weiter, lief zum See um eine Schnnauze voll zu trinken.
„Igitt!“ schoss es ihm durch den Kopf und es spuckte den Schluck Wasser gerade rechtzeitig aus, bevor es seine Kehle runter rinnen konnte. Es schmeckte schal und abgestanden, und als es genauer hinblickte, sah es schleimige grüne Flecken auf der Wasseroberfläche schwimmen. Jetzt war es soweit. Sie hatten den Uni-See vergiftet. Überall am See waren weiße Zettel verteilt und an den Bäumen aufgehängt. Schwein erinnerte sich vage an die Lernspiele mit Anita, bei denen Symbole ausgesprochen und zusammengesetzt wurden. „Aeiou“ machte es, und „be“ und „ha“ und „ka“ und „el“ und „em“. Schwein trottete zu einem der Blätter und beugte sich darüber:
„DAS PRÜFUNGSAMT VERKÜNDET JAGDSAIS​ ​O​ ​N​ ​E​ ​R​ ​Ö​ ​F​ ​F​ ​N​ ​E​ ​T“ Jagdsaison? Sowas hatte es noch nie gegeben! Seine Mutter hatte ihm davon erzählt in Gruselgeschichten und als Abschreckung: „Wenn du deine Grütze nicht isst, wird die Jagdsaison

 eröffnet,“ hatte sie gesagt zum Beispiel. Jagdsaison, das wären haarige Männer mit Bäuchen und Gewehren, aber das gab es an der Uni nicht.​ ​Albinoschweine starben im Schlaf, nach einer langen
Lebensdauer, sie liefen auf den entferntesten Winkel des Unigeländes, legten sich hin und hauchten ihren letzten Atem aus. So war es bei seinem Vater gewesen, und bei seinem Großvater, bis hin zurück zu seinem Urururururgroßvater. Ungläubig las Schwein weiter. „Schweineaufenthaltszeit wird beendet nach Beschlussfassung 7.13, Beschwerden wurden bis vorgestern im Keller des Sammelgebäudes angenommen. Entscheid einstimmig angenommen. Erlaubte Jagdmittel sind Schusswaffen, Speere und Pfeil und Bogen, Kettensägen.​ ​Nicht erlaubt: Wurfsterne und Steine.​ ​Dieser Zettel wurde maschinell erstellt und ist ohne Unterschrift gültig.“ Mehr stand da nicht. Schwein wusste trotzdem, was das hieß. Die Kettensäge jaulte auf, Schwein bemerkte, dass sie näher gekommen war. Das vergiftete Wasser schien es auszulachen. Die Uni schmiss es raus. Das bedeutete es. Schwein würde gehen müssen Unwiderruflich. Gehen oder Sterben. Nicht Biologie, nicht Theologie, nicht Juristerei würden ihm mehr helfen können. Hätte die Säge es nicht geweckt, wäre es wahrscheinlich gar nicht mehr aufgewacht. Bevor Schwein den Prüfungsämtlern eine Gelegenheit geben würde, ihn zu erschießen, kehrte es der Unikugel den Rücken zu und trottete den Kiesweg entlang, der vom Campus zur Bushaltestelle führte. Vielleicht würde es bei Anita unterkommen können, es wusste es nicht, es war auch egal, es musste weg hier, und nie würde es wieder kommen können. Als es ging, hing sein Kopf kraftlos herunter und seine Ohren wackelten im Takt seiner Schritte. Irgendwann würde es wieder kommen und seine Kinder hire aufziehen. Aber nicht heute.

Tuesday, March 20, 2018

Der Dackel

Sie hatten sich in Zärtlichkeit getrennt. Seine Berührungen hallten noch in ihr nach während sie zu Demo ging. Wie liebevoll er sie angeblickt hatte! Ganz weich war sie innerlich.Viel zu weich. Sauer sollte sie sein! Ihre Gruppe hatte ein Transparent gemalt, in großen roten Buchstaben stand darauf "Nicht mit uns" und ein dickes Ausrufezeichen. Demonstrieren wollten sie, Parolen skandieren, Buh-rufen! Das schien ihr jetzt ganz unmöglich. Jetzt wollte sie lieber vor dem Landtag Blumen niederlegen und singen "where have all the flowers gone“ angesichts der vielen toten Kinder, die in diesem Krieg getötet wurden, getötet - ermordet! Kinder und Eltern, sogar Babies! Sie war ganz verzweifelt und fühlte sich zum heulen.
Sein Hund Dudu lief neben ihr an der Leine. Er hatte ihn ihr mitgegeben, weil er sonst nicht rauskäme. Ganz verbunden fühlte sie sich ihm durch das Tier. So eine liebe Geste, ihr seinen geliebten Zwergpintscher mitzugeben. Damit ging nun ein Teil seiner Liebe an ihrer Seite.  Dudu war ein ältlicher Hund, aber ganz liebevoll, genauso wie er, freundlich und aufgeschlossen und so liebevoll. Ihr wurde noch wärmer ums Herz: wie er mit seinen kleinen Beinchen neben ihr her hopste, grade, dass sein Bauch nicht auf dem Boden schliff. Sie ging neben ihm, in ihrem Wildledermantel wogten ihre Brüste mit jedem Schritt hin und her, und ihre langen, stumpfbraunen Haare bereiteten sich wie ein Wasserfall über ihren Kunstpelzkragen. Sie sah aus als hätte sie jemand aus den 70ern entführt und in die Neuzeit teleportiert.
Anne kam ihr über den Platz vor dem Landtag entgegen, stürmisch, ihre Augen sprühten Funken. Sie war aufgewühlt, sie war wütend, genau die richtige Stimmung für die Demo, sie würde sich mit Schmährufen die Stimme aus dem Leib brüllen! Lea traf sie, bemerkte ihren beschwingten Schritt, sah ihren entflammten Blick - und fiel ihr in die Arme. Keine Begrüßung, kein einziges Wort, presste sie sie an sich und weinte ihr ins Ohr: "die ganzen toten Kinder!" weinte sie, "die Kinder! Es ist so furchtbar!" 
Anne zuckte zurück. Sie erstarrte in den Armen ihrer Freundin. Räusperte sich. Lea heulte weiter. Mit verzweifelten Blicken über ihre Schulter versuchte Anne die anderen zu kontaktieren. Die waren viel zu weit weg! Schließlich klopfte sie ihr ein, zweimal unbeholfen auf den Rücken: "Na na na. Nu komm mal." Sie nahm Lea bei der Hand und zog sie ein paar Schritte Richtung Gruppe, als Lea stehen blieb und in die andere Richtung zog. "Nein, warte," sagte sie und deutete an den Rand des Platzes, "ich will da ein paar Blumen pflücken." Auf einem Grünstreifen am Rande des Platzes wuchsen ein paar Gänseblümchen. "Ich komm gleich." Anne fand das alles sehr skurril, sie ging besser mit. "Was machst du denn da? Lea, geht es dir gut?" Sie wollte ihr die Hand auf die Schulter legen, sie zu sich drehen um ihr in die Augen zu schauen. Lea wäre nicht die erste Pazifistin, die abdreht, wie der Kerl mit der Schirmmütze mit dem Radio und die dicke Alte mit der Gitarre die nach Katzenpisse stank. Drogen in der Szene waren stark verbreitet. Aber Lea lief vorneweg, nuschelte verwirrt "nein nein, alles gut, nur die Gänseblümchen". Den Dackel schleifte sie hinter sich her. Er lief Anne ständig vor die Füße, zweimal musste sie stehen bleiben weil er sie sonst in die Leine eingewickelt hätte. Lea kniete sich auf den Grünstreifen und fing an mit die Blumen zu pflücken, der Hund stets dabei, offensichtlich völlig aus dem Häuschen von den Spuren vieler anderer Hunde. Wo sollten sie auch sonst hinpinkeln? Ein länglicher Streifen Grün mit zwei Bäumen drei Meter breit, acht Meter lang, umgeben von Stein, Beton und Mauern. Anne wurde etwas schlecht als sie Lea beobachtete wie sie die Gänseblümchen pflückte - mit bloßen Händen.
Lea ging das Herz über. Gänseblümchen, das war genau das richtige, keine aufwändigen Blumenkränze oder so, nein, einfach Gänseblümchen, sie waren so ehrlich und lieb und unschuldig, genauso wie die vielen Menschen die gestorben waren. Dudu war ganz nah bei ihr und schnupperte, als müsste er sich ein paar Tränen wegschnüffeln - so ein einfühlsames Tier - hach, sie fühlte sich ihm so verbunden.
Als sie etwa fünfzehn Gänseblümchen hatte, erhob sie sich und nahm die Hundeleine. "Weißt du, wir müssen Blumen niederlegen, für die Trauer," sagte sie, ein bisschen gebrochen, weil sie so bewegt war. "Es geht nicht nur um Wut, es geht um die Menschen, die toten Menschen!"
"Lea, was ist denn mit dir?" Anna konnte sich nicht beherrschen. "Wir müssen kämpfen! Glaubst du diese Schnösel da drin interessiert es wenn wir hier heulen und Blumen niederlegen?" "Aber es sind Menschen gestorben, unschuldige, und sterben immer noch! Wer weint denn sonst um sie?!" Lea war vor den Stufen des Parlaments angekommen. Etwas höher standen mehrerere Bundesgrenzschützler in schwarzer Kampfmontur und blickten steinern. Lea kniete nieder  und legte ihre Blümchen auf die zweite Stufe, alle einzeln, sauber aufgereiht nebeneinander. Die Polizisten beäugten sie. Der eine ging schon einen Schritt auf Lea zu. Das würde Anne nicht zulassen, Lea war vielleicht daneben aber das war ja kein Grund! "He, nu mal langsam," rief sie dem Politzisten zu, "dat sind ja hier keine Nuklearwaffen, dat sin nur een paar Blümchen." "Ja, wir legen Blumen für die Toten, zum Gedenken," rief jetzt auch Lea, ganz beschwingt, dass ihre Freundin sie so solidarisch unterstützte. 
Der Hund verstand das völlig falsch. Lea hatte die Leine niedergelegt als sie die Blumen verteilte. Jetzt sprang er, seiner neuen Freiheit gewahr, auf den Polizisten zu als wäre er ein Würstchen. Das Gesicht des Polizisten verfinsterte sich. "He, Lea, pass ma auf dein Vieh auf,“ rief Anna und trat schnell auf die Leine, "sonst wird der da oben noch - " Aber sie brachte den Satz nicht fertig. Der Dackel war von der Leine zurückgerissen worden. Er stolperte, fiel zur Seite auf die Treppenkannte und rollte zwei Stufen herunter. Dort blieb er liegen. "Naaiiin!!" heulte Lea auf! Wie ein Boje klang sie, "Naiinnn!!!" Jetzt schossen ihr Tränen in die Augen. Mit schriller Stimme rief sie "Was hast du getan?!" und warf sich auf Anna. Mit beiden Fäusten trommelte sie auf Annas Brust ein, und stieß spitze, gellende Schreie aus. "Der Dudu!" schrie sie, "der arme Dudu!" Anna versuchte auf Abstand zu gehen.  "Ja, schau doch" sie versuchte sich zu wehren ohne der armen verwirrten Lea weh zu tun, "dem geht es doch schon wieder gut." Aber Lea hörte nicht, sondern jaulte und trommelte nur weiter. Der blöde Köter machte derweil mit und kläffte im gleichen Rhythmus ihre Wade an.
"He" sagte jetzt der Polizist. Nichts passierte. "HE!" sagte er nochmal mit Nachdruck. Aber gegen die beiden Tölen kam er nicht an. Er ging eine Treppenstufe runter. Die Frau trommelte immer noch auf ihre Freundin ein, und der Hund kläffte dazu. Noch eine Treppenstufe. Sie merkten es garnicht.
Schließlich nickte er seinem Kollegen zu. Beide gingen hinab und stellten sich zwischen die Streitenden. Die erste ließ sich ganz leicht abführen. Der Polizist nahm sie leicht am Arm und begleitete sie Richtung Kundgebung, da ging sie schon allein ohne weitere Aufregung, warf nur noch ein paar skeptische Blicke über die Schulter, bevor sie sich wieder zu ihrer Gruppe trollte.
Die andere, die Heulboje, war etwas schwieriger. Sie hörte einfach nicht auf zu heulen. Der Polizist stellte sich vor sie und legte ihr die Hände auf die Schultern. Dann sagte er laut und deutlich: "Sooo, jetzt beruhigen Sie sich wieder mal, ihrem Hund geht es guuut, es ist alles in Ooordnung, ihre Freundin hat ihm nicht wereh getan, sie wollte sie nur beschützen, sie ist eine guuute Freundin." 
Das mit dem Vokale dehnen hatte er in der Polizeischule gelernt. Jetzt fühlte er sich sehr klug. Die Heulboje beruhigte sich auch glatt während er sprach. Sie heulte noch einmal auf, ein zweites mal und ein letztes, drittes Mal. Ihre Fäuste hatten anfangs noch in der Luft herumgefuchtelt, einen Polizisten schlagen wollte sie aber dann doch nicht. Nach und nach wurden sie langsamer und schließlich ließ sie die Hände sinken. Ein bisschen schniefte sie noch, dann konnte der Beamte sie anblicken. Klare blaue Augen hatte sie. Eigentlich ganz hübsch. Er lächelte aufmunternd, klopfte ihr nochmal leicht auf Schulter. " Na, geht doch schon wieder. Und hier," er bückte sich, "ist auch die Leine von ihrem Hund wieder." Er drückte ihr das Endstück in die Hand.

Der Hund saß auf seinem Hintern und wedelte mit dem Schwanz die ganzen Gänseblümchen von den Stufen. "Ja" sagte Lea, und tätschelte ihn am Kopf. Dann drehte sie sich um und ging.

Friday, March 4, 2016

Philosophen sind bei Bränden einfach nicht zu gebrauchen

F. Herb geht die Straße entlang. Er ist ein kleiner, braunhaariger Mann mit gepflegtem Schnauzer und Teddy-Augen. Er geht gemächlich, ohne Eile. Sein Gesicht ziert ein verträumtes Lächeln. Wie er da so entlanggeht, führt ihn sein Weg zu einem Kiosk, an dessen Auslage es blitzt. Eine kleine, in farbige Aluminiumfolie gewickelte Schokoladenfigur steht dort und reflektiert das bißchen Sonnenlicht, dass sich in die Straßenschluchten verirrt hat. Darunter ist ein Schildchen angebracht, auf dem drei Zahlen stehen. Eins neunundneunzig steht da, neben eins fünfzig und Null Komma Fünfzig. Eins neunundneunzig und eins fünfzig sind durchgestrichen. F. Herb kauft den reduzierten Schokonikolaus. Dann geht er weiter, dorthin, wo er eigentlich hinwollte, zum Kindergarten. Es ist zwei Uhr sieben, als er vor dem buntbemalten Gartenzaun ankommt. Im Haus dahinter toben die Nachmittags-Kinder. Die Tür geht auf und lässt den Lärm kurz doppelt so laut werden. Dann schließt sich die Tür wieder und die Welt scheint plötzlich sehr still. Sogar hört man die eiligen Schritte einer blonden Hünin, die den kiesgesäumten Weg entlangläuft. Sie ist beinahe zwei Meter groß, ein Meter neunzig bestimmt. Sie beugt sich herab und küsst F. Herb. Dabei kneift sie eine seiner Pobacken. Die Kinder können es durch die Fenster nicht sehen, weil F. Herb mit dem Rücken zur Straße steht. Aber alle Autofahrer können es sehen. Zum Dank schenkt er ihr den Schokonikolaus.

Auch die Hünin hat ein Geschenk für F. Herb, eine rote Papierblume, die ihre Kindergartenkinder gebastelt haben. Er steckt sie in ein Knopfloch und sie gehen die Straße weiter. F. Herb geht wie ein Pinguin. Wahrscheinlich liegt es daran, dass er als Kind so viele Charly Chaplin Filme gesehen hat, zusammen mit seinem Vater. Ein dicker, untersetzter Mann mit Schnauzer – so wie F. Herb nur dicker. Wenn er lachte, versprühte er eine Fontäne von Kuchenkrümeln. F. Herbs Mutter war eine begnadete Bäckerin. Der Vater lachte häufig, wenn er Chaplin sah. Auch heute noch hat F. Herb Lust auf Apfelkuchen, wenn er „Der große Diktator“ sieht. Aber heute gibt es keinen Chaplin-Film. Und keinen Apfelkuchen. Heute gibt es etwas anderes zu Essen. „Was gibt es denn?“, fragt die Hünin F. Herb. „Wird nicht verraten“, antwortet F. Herb. „Das ist eine Überraschung.“

F. Herb und die Hünin gehen heim. Sie geht ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher ein, er geht in die Küche. Alles ist ruhig bis auf das künstliche Gelächter von der Sitcom, die die Hünin sieht. Plötzlich ertönt ein Gewehrschuss aus der Küche. Sie erschrickt. Dann noch einer. „Schatz, komm schnell!“ ruft F. Herb. Sie stürzt in die Küche wo es gerade wieder knallt, und sieht, wie Popcorn aus einem offenen Topf auf dem Gasherd durch die Küche fliegt – mehr und immer mehr, bis sich das Gewehrfeuer zu einer Salve steigert. F. Herb steht an der Seite, die Hände vor dem Schoß gefaltet. „Für dich Schatz, weil wir zu Sylvester keines hatten: Dein Feuerwerk.“

Der Gesichtsausdruck der Hünin zerschmilzt von erschrockener Besorgnis zu glücklicher Ergriffenheit. „Ohhhh“, seufzt sie gerührt. Sie umarmen sich ganz fest, und geben sich noch ein Kuss. Es ist ein langer, zärtlicher Kuss, voller Verbundenheit und Wärme. Die Vorhänge über der Spüle fangen Feuer. F. Herb und die Hünin bemerken es nicht, sie stehen aus einem Hagel aus heißem Popcorn, das nach Vanille und Fett riecht. Dann bemerken sie es aber doch. Mit einem „Wusch“ gehen die Vorhänge komplett in Flammen auf. Die Hünin lässt einen Schrei aus. Also ist sie doch wieder erschrocken und besorgt. Dann stürzt sie aus der Küche. F. Herb bleibt zurück, legt den Kopf schief und sagt: „Die Vorhänge brennen. Ich weiß jetzt nicht, was Rousseau dazu sagen würde.“ F. Herb ist nämlich Philosoph. Zur Zeit ließt er wieder die gesammelten Werke Rousseaus, Band drei. Da stürzt die Hünin wieder zurück in die Küche und löscht den Brand mit dem Feuerlöscher. Es ist ein atemberaubender Auftritt. Eins neunzig groß, breite Schultern, blaue Augen, wehende blonde Haare. Sie schwingt den Feuerlöscher mit kräftigen Armen und sprüht weißen Schaum entschlossen auf die Vorhänge, den Herd, das Fenster. Wenn du einmal einen Amazonenfilm drehen möchtest, musst du sie unbedingt besetzen. Am besten gibst du ihr einen klingenden Namen, wie Towanda, oder einen nordischen, kernigen, wie Klothildur.

F. Herb steht derweil dabei und beobachtet fasziniert seine Hünin. In seinem Kopf spielt Wagners Walkürenritt. Er überlegt, wie eine Gesellschaft wohl aussehen möge, die von solchen Frauen regiert wird. Männer wie er wären dann zur Hausarbeit und Kinderpflege abkommandiert, sie würden Staubwischen und Schnittblumen dekorativ in Vasen stellen, während die Walküren an großen, schweren Eichentischen säßen, Bier aus großen Humpen tränken und über Angriffskriege und feindliche Übernahmen sprächen. Bis er zu Ende philosophiert, brennt schon nichts mehr. Philosophen sind zum Feuerlöschen einfach nicht gemacht.

Eine Woche später ist vom Popcorn-Feuerwerks-Unglück nichts mehr zu sehen in der Küche. Die Vorhänge wurden ausgetauscht, ebenso wie der Satz Plastik-Kochgeschirr, der beim Herd hing und beim Brand verschmorte. „Eine Suppenkelle, die geformt ist wie ein Fragezeichen?“, sagte F. Herb beim Begutachten des Schadens. „Nein, so etwas kann man nicht gebrauchen.“ „Ja“, sagte die Hünin und nahm ihm den verschmorten Plastiklöffel ab. „Wir kaufen einfach einen neuen.“ Jetzt hängt ein neuer neben dem Herd, diesmal aus Edelstahl. „Da kaufen wir dann auch einen neuen Pfannenwender, einen Schneebesen und einen Schaumlöffel aus Edelstahl“ erklärte die Hünin resolut, als sie beim Einkaufen in der Haushaltswarenabteilung eines großen Kaufhauses standen. „Wie sieht denn das sonst aus.“ F. Herb widersprach nicht, und so findet bald darauf ein Obdachloser einen Pfannenwender, einen Schneebesen und einen Schaumlöffel aus Plastik in der Mülltonne der Herbs. Weil aber ein Obdachloser nie kocht, wirft er sie wieder zurück.

Suppenkellen und Vorhänge kann man ersetzen. Leider geht aber der Gestank von verschmortem Plastik nie wieder ganz aus der Küche raus. Es war ja nicht nur das Kochbesteck aus Plastik, die Vorhänge waren ja auch aus Nylon. Sie lüften, bis ihnen fast die Zehen abfrieren, und F. Herb stellt Potpourri auf. Erfolglos. Es riecht weiterhin nach verschmortem Plastik, durchzogen mit Rosenduft. Weil Hünin und Philosoph es nach ein paar Monaten satt haben, ständig an den Brand zu denken, wenn sie in der Küche stehen, entschließen sie auszuziehen. Sie suchen sich eine nette kleine Wohnung am anderen Ende der Stadt, dreieinhalb Zimmer, Souterrain. Zum Einzug essen sie Popcorn und sehen Sitcoms. Das Popcorn stammt aus der Mikrowelle. Sicherheitshalber.


In der Wohnung bleibt nichts zurück bis auf den Plastikgeruch und eine zerfledderte Ausgabe von F. Herbs Anmerkungen zu  Rousseaus gesammelten Werken. Es war leider kein Kassenschlager geworden. F. Herb hatte sie zum Abstützen seines Schreibtisches benutzt. Beim Auszug war es einfach auf dem Boden im Eck liegen geblieben und vergessen worden. Der Nachmieter – ein ganz unphilosophischer, 32-jähriger Kopiererreparierer – findet es das Buch, blättert es durch, und wirft es gelangweilt in die Tonne, in der auch das Plastik-Kochbesteck landete. Dort fischt es eben jener Obdachlose wieder heraus, der zuvor die Suppenkellen verschmähte. Diesmal nimmt er den Fund an sich. 

In seinem kleinen Pappkarton-Burg unter einer Brücke liest er Kapitel um Kapitel, sehr interessant findet er die Lektüre. Alle Probleme und Aufgaben die sich der Gemeinschaft stellen werden von der Gemeinschaft gemeinsam besprochen und zwar so lange, bis sich eine Lösung für alle findet. Auch hartnäckiger Plastikgeruch nach Bränden in Küchen. „Wenn es in einer Küche unbändiger Plastikgeruch vorherrscht nachdem die Vorhänge abgebrannt sind, möge sich die Hausgemeinschaft geschlossen zusammensetzen und beraten, was zu tun sei“, resümiert der Obdachlose. „Sie mögen eine einstimmige Entscheidung fällen, darüber, ob die Wohnung zu renovieren sei oder besser alle Vorhänge in allen Räumen abgebrannt werden, um eine gleichmäßige Geruchsbelästigung zu erreichen. Sodann bestimmen sie einen aus ihrer Mitte, der den Entschluss umsetze und nach Vollzug wieder vorspreche über den Erfolg.“ Philosophen sind bei Bränden einfach nicht zu gebrauchen.

Tuesday, January 28, 2014

Gefahren des Zugfahrens

Heute bin ich am Hauptbahnhof einem meiner Exe begegnet. Bin natürlich stante pede vorbeigelaufen, Blick starr geradeaus. Dass sowas immer so erschütternd ist, das trifft dich bis in's Mark. Wenn ich jetzt zum Beispiel "Markus" sage, und du hattest einen Markus zum Ex trifft dich doch sicher ein Blitz aus heiterem Himmel. Oder zumindest weißt du, was ich meine. Sicher bist du deinem Ex auch mal unverhofft begegnet, also bevor alles wieder gut war vielleicht, weil manchmal ist ja mit den Exen auch alles in Ordnung nach einer Weile und sie werden Freunde, die Ex-Freunde, na auf jeden Fall hat es dich da doch sicher auch getroffen wie der Schlag. Kein Wunder, dass die Ex heißen, wie das, was man früher im Gymnasium immer schreiben musste, die Ex, die Extemporale. Stegreifaufgabe heißt sie, und eine schöne Stegreifaufgabe ist es, wenn der Ex plötzlich da steht und auf die Anzeigetafel vor der Bahnhofsinfo schaut. "Stegreifaufgabe: Seien Sie spontan und witzig, seien Sie total über ihn hinweg, seien Sie so umwerfend, dass er es bis in's Grab bereut, Sie gehen gelassen zu haben, und bitte, seien Sie dabei bloß locker!" Schöne Stegreifaufgabe, Exen. Kein Wunder, dass die keiner mag.
Ich bin dann auch wieder zurückgegangen, also ein bißchen. Geschaut habe ich aus der Entfernung mit klopfendem Herzen, was er so macht. Bin wieder weitergegangen, weil ich da so peinlich rumstand und mich schon Leute beim Gucken anguckten. Hab mich einen Feigling gescholten und bin wieder ein bißchen zurück in seine Richtung. Leicht hat ers mir gemacht. Er ging ganz langsam um die Info herum, stellte sich mit dem Rücken zu mir und zog sein Handy raus. Natürlich war es mein Ex, ganz klar, wer ist sonst schon beinahe zwei Meter groß, schlaksig, mit diesem speziellen Haarschnitt, den er so liebte, Brille und diesem halboffenen Mund. Mein Herz pochte weiter vernehmlich. Aber ich konnte ja da nicht nur stehen und glotzen, aber hingehen konnt ich auch nicht. Also ging ich wieder. Und dann diese Stimme: "Du wirst es sicher bereuen, dass du deine Angst nicht überwunden hast." Also zwei Schritte zurück. "Wenn du aber hingehst, nur so eine Minute, fragst: "Na, was machst du denn in meiner Heimatstadt?", dann bist du sicher stolz auf dich danach." Noch ein Schritt. HOAH, er hat sich umgedreht und geht in meine Richtung! Diese blöde Stimme, beinahe hätte er mich gesehen! Schnell wieder zurück und den Stand zwischen uns gebracht; da hab ich mich dann wieder umgedreht und geguckt. "Langsam, langsam," denk ich. Also erstmal sammeln. Ok. Durchschnaufen. 
Einfach hingehen, den Namen sagen, fragen, was er denn hier macht. "Dann weißt du zumindest, ob er jetzt hier wohnt und du ihm öfter begegnest." Zwei, drei Schritte geh ich in die Richtung. Er macht es mir wieder einfach, gaanz langsam geht er von einer Fressbude zur nächsten, seine Aufmerksamkeit völlig von den Auslagen gefesselt. Weiter durchschnaufen. 
Schon bin ich in Namens-Rufweite und tu das auch grad. Er dreht den Kopf - von mir weg, hat mich nicht gehört, will zu dem anderen Futterstand. Beugt sich über die Vitrine, schaut nach links, hoch, mir in die Augen. 
Und schaut ohne Zögern wieder weg. Hat mich nicht erkannt. War es doch nicht. Ich geh schnell wieder.
Geh und geh Richtung Ubahn. Denk mir, wie man sich täuschen kann, ich hätt schwören können. Denk mir sowas aber auch, da gibts einen, der ganz genau so aussieht wie er. Denk mir: "Oder er hat mich nicht erkannt. Hab ich mich so verändert?" Ja hab ich schon. Die Haare halt. Und die Mütze, die ich aufhatte. Andere Brille hab ich ja auch. Und er dafür. Das ganze Verhalten, er hat sich auch so bewegt wie mein Ex. "Das war er doch!" denk ich mir. Geh wieder zurück, diesmal wirklich mit Mut, nur zu!
Na ich wieder zurück, jetzt ist es schon vollends peinlich, die Leute an dem Stand, an dem ich zum siebten Mal vorbei geh denken sicher: "die spinnt." Also auch schon egal. "Ist der Ruf erst ruiniert" und so weiter. Oder doch wieder umdrehen und heim? Nein, das verfolgt mich sonst. Auf, du Feigling!
Ich also hin, immer noch Abstand, und er, was macht er, dreht mir den Rücken zu! Zefix! Also wieder warten? "Ach, lass sein, geh heim, is doch wurscht," denk ich mir. Und ich geh wieder. Aber nein, auch diesmal schaff ich es nicht, denn da ist die Stimme wieder: "Jetzt, finds raus, ist doch blöd so". Also geh ich kleiner Kreisel doch wieder zurück und schleiche um ihn, immer außerhalb Blickwinkel, nur sein Gesicht nochmal sehen. Der hat sich immer noch nicht entscheiden können derweil, war er wieder beim ersten Stand und hat immer noch nix gekauft. Jetzt erlöst er mich. Schaut nach links zum Döner. Und ist es nicht. 
Eventuell, eventuell, falls er im Gesicht zugenommen hat, er hatte immer ein spitzes, hageres Gesicht, und der Mann hat ein volles, eher rundlich. Und die Haare. Da ist ein Rotstich dabei. Könnt natürlich das Licht sein, auch des Exfreundes Haar hatte eine ganz leichten Rotstich, aber doch eher leichter als der Herr da beim Rischart. Und den Mund hat er auch nimmer so offen stehen. Ist er es nicht. Ist die Ex-Zeit vorbei, setzen, sechs. Naja, zumindest hat sich meine Angst, dass ich ihn jetzt öfter seh, weil er auch nach München pendelt oder so, naja, diese Angst hat sich jetzt verflüchtigt. 
Damit ist Zugfahren wieder sicherer geworden.