LL Aktuell

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Geschichten und andere Geschichten

Tuesday, March 8, 2011

Zwischen den Sprachen

Samstag war ich auf einer Tanzdarbietung im Gärtnerplatztheater in München, wo ich eine Karte fand, die unbedingt zu einer lieben guten Freundin von mir musste. Vorne drauf ist eine dunkelhaarige Dame in rosa Morgenrock, die sich einen halterlosen Strumpf hochzieht, während drei Herren auf einem Balkon sie dabei mit gierigen Augen beobachten. Daneben steht:
"Ob Kluge, ob Dumme, ob Alte, ob Junge,
sie alle verfallen dem Reize der Frauen."
Eine sehr schöne Karte, die Werbung für die Aufführung von L'italiana in Algeri macht, so wie ich es auch gerade tue.

Aus einem bestimmten Grund passt diese Karte nun zu einer Unterhaltung, die ich mit jener lieben guten Freundin letztens führte. Es war eine schöne Unterhaltung, und diese Freundin ist mir sehr lieb, daher wollte ich sie entsprechend anschreiben, etwa mit einem Gruß in ihrer Vatersprache türkisch. Die Türken haben nämlich einen Gruß, bei dem sie sich mit Bruder bzw. Schwester anreden. Ist das nicht sehr schön? Ein Geschwister ist ja jemand, der mit einem aufgewachsen ist, die Eltern und die Umstände kennt, und doch gleichberechtigt ist. Natürlich gibt es bei älteren Geschwistern ein gewisses Gefälle, aber dennoch hat ein Geschwister niemals das andere gezeugt. Zumindest sollte dem dringend so sein. Jemanden also als Geschwister zu bezeichnen heißt einerseits: du bist meines Gleichen und andererseits: du kennst mein Leben.

Das ist doch eine besondere Auszeichnung, finde ich, die ich nicht vielen Menschen geschweige denn leichtfertig zuteil werden lasse (was wohl auch daran liegt, dass ich eine großartige Schwester habe und mit dem Vergleich sehr sparsam bin. Bei Extremen sollte das auch allgemein so sein, finde ich). Nur stellt euch vor: Wenn die Türken sagen: Hey Schwester, dann heißt das etwas ganz anderes als das, was ich ausdrücken wollte. Schwester bzw. Bruder ist jeder, das ist ein besseres "du" - von der Busfahrerin zur Simit-Verkäuferin bis zur Kommilitonin sind einfach alle Schwestern bei den Türken. Auf meiner Postkarte hätte ich also wörtlich gesagt: Hallo Schwester, aber inhaltlich hätte da gestanden: hey Kumpel.

Seltsam, nicht? Damit konnte ich diesen Gruß natürlich nicht mehr verwenden, kennt die betreffende Dame doch sowohl die wörtliche als auch die idiomatische Bedeutung des Wortes.

Ich habe statt dessen einfach ihren Namen an den Anfang der Karte gesetzt und mein Möglichstes getan, um meine Zuneigung und meinen Respekt zwischen die Zeilen zu schreiben.

Simit ist übrigens das türkische Äquivalent zur Breze, ein Hefeteigring mit Sesamkörnern.

Gerne würde ich heute außerdem ein Glas Tokaier trinken auf meinen Stiefopa, aber ich habe keinen. Gestern schon aß ich in Ermangelung des ungarischen Weins Chips nach ungarischer Art. Aber ich bin doch der Meinung, dass das nicht dasselbe ist.

Statt dessen trinke ich Tee aus Indien. Das tue ich zwar immer, aber diesmal ist es trotzdem etwas Besonderes, weil ich krank bin. Tagelanges Hin- und Herreisen durch und in Deutschland ist wohl doch zu anstrengend um als gesund zu gelten. Daher bin ich heute auch den ganzen Tag daheim geblieben und werde das auch morgen tun. Das bringt mir natürlich die Zeit, etwas von dem aufzuholen, was letzte Woche liegen blieb. Visitenkarten zu Kontakten machen zum Beispiel und Bewerbungen schreiben. Am liebsten würde ich die Auszeit auch für Sport nutzen, nur leider verhindert der Grund der Auszeit den Sport natürlich, und so beschränke ich mich auf Power Spaziergehing.

Anbei habe ich erfahren, dass die Orchidee für Freude auf der Leserseite sorgt. Dazu würden mich ja Details interessieren.